Das Buch zum Blog kommt!

27 Mrz

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Das Cover ist schon mal fertig. Und hier können Sie sich ein Kapitel daraus vorlesen lassen.

Ein schöner Tag am See, oder: Vorsicht! Frauen* können schlechte Laune verursachen

4 Jun

Ich hatte wohl eine Weile nicht mehr richtig hingeschaut. Wenn ich so pendle zwischen Elfenbeinturm (das Arbeitszimmer) und Insel der Seligen (der Garten), trage ich vermutlich ein leicht idealisiertes Bild von Weiblichkeit, Beziehung, Bewusstsein, Feminismus und so Zeugs spazieren, das nicht zwingend mit dem korreliert, was da draußen abgeht …“Da draußen“ war heute der örtliche Badesee. Traumwetter, schöne Landschaft, die Schwalben fliegen hoch am durchscheinend blauen Himmel, die Bäume sind grün, die Enten spielen Fangen. Das Wasser ist kühl, und in der Mitte des Sees sogar einigermaßen klar. Ein paar Meter links von mir schwimmt ein Vater mit seiner Tochter, lass sie acht sein oder zehn; beide plantschen gutgelaunt vor sich hin. Plötzlich von weiter vorn eine unfreundliche Stimme: „Schwimm zurück, du schafft es ja sowieso nicht“. Als nach einer halben Sekunde keine Reaktion kam (die waren wahrscheinlich genauso verblüfft wie ich über diese  Frau, die sie da anherrschte, obwohl sie mit ihr hätten rechnen können, denn es war ganz offensichtlich die Mutter der Mädchens), verlieh sie ihrem Ton, nun an den Gatten gerichtet, gleich noch ein bisschen mehr Schärfe und Lautstärke: „Du schwimmst jetzt s o f o r t mit ihr zurück!“ Ich machte, dass ich wegkam, so schnell es meine Kondition zuließ, und dachte darüber nach, wie Mütter ihre Töchter vielleicht eine klitzekleine Idee besser motivieren könnten, wenn sie nicht so offensichtlich dumm, frustriert und unglücklich wären wie dieses abscheuliche Exemplar.

Inzwischen hatte ich Land gewonnen und mein Handtuch wiedergefunden. Mich abtrocknend, unterhielt ich mich eine Weile mit der nackten älteren Dame vom Nachbarhandtuch über dieses Erlebnis. (Denn das gibt es ja auch, dieses Instant-Verständnis zwischen zwei erwachsenen Frauen, die sich noch nie begegnet sind, bei denen jedoch ein kurzer Blick und die Frage nach einer Zigarette jeweils ein authentisches, interessiertes Gegenüber zum Vorschein bringt.) Sie meinte, Kinder müsse man viel loben. (Hm. Weibliche Kinder – ja. Männliche? Weiß nicht. Ich kenne einige Kerle, die als Kind ganz offensichtlich zu viel gelobt worden sind. Hoffentlich liest Ralf Bönt jetzt nicht mit.)

Nach dem Gespräch, das von gegenseitigem Respekt getragen war, obwohl wir uns in keinem einzigen Punkt einig wurden, ging ich gegen den Strom der badelustigen Neuankömmlinge zur Straße und hörte wieder diesen schneidenden Befehlston, mit dem nun eine andere junge Frau ihren Begleiter anschnarrte: „Wir suchen jetzt aber einem Platz, wo man sich hinsetzen kann. Also schau dich danach um!“ Die Aggression in ihrer Stimme ließ mich zusammenzucken, und der Himmel war immer noch so blau, und die Schwalben kreisten immer noch sirrend über uns, und ich war wieder verwirrt: Wenn s i e sich setzen möchte, wieso überlässt sie i h m die Verantwortung für die Platzsuche? Und was ist eigentlich aus der Frauenbewegung geworden? Ist die tatsächlich so total nach hinten losgegangen, wie Camille Paglia es schon vor zwanzig Jahren postulierte? Was fehlt diesen – äh, Frauen? So mag ich sie eigentlich gar nicht nennen, weil sich diese Sorte mit meinem möglicherweise leicht idealisierten Bild von Weiblichkeit so gar nicht nicht in Deckung bringen läßt. Ich nenne sie: Tussis. Suchen sich Tussis in diesen Kreisen – jung, semi-urban, semi-gebildet, wahrscheinlich mittlere Angestellten-Ebene – gern Partner, um sie zusammenzufalten und dabei en passant den statistisch erwartbaren 1,2 Kindern einen Schaden fürs Leben mitzugeben?

Schätze, ich werde doch wieder etwas öfter hinschauen müssen. Nicht dass es Spaß machen würde. Es macht überhaupt keinen Spaß. Und jetzt fällt mir auch wieder ein, warum ich in letzter Zeit so selten richtig hingeschaut hatte: Bekam Pickel davon, Falten, miese Stimmung. Inzwischen wundere ich mich nur noch. Werde mir trotzdem als Warnhinweis vor den Ausgang von Elfenbeinturm bzw. Insel der Seligen ein Schild hängen: Vorsicht: Tussis können schlechte Laune verursachen. In großen, freundlichen Buchstaben, eventuell sogar in rosa.

(Pic: Shiro Kasamatsu, via Peter Glaser, Facebook)

Update: Tja, ich h a b e hingeschaut… und etwas höchst Unerfreuliches festgestellt. Denn als mein Mann ein paar Tage später von einer Reise zurückkam, machte er e i n e falsche Bemerkung. Und dann konnte ich m i r dabei zuschauen, wie ich mich den Rest des Tages in eine Tussi verwandelte.  Nag, nag, nag. War schon interessant … immerhin habe ich jetzt wieder ein bisschen mehr Mitgefühl und Verständnis für Tussis. Und dieses selbstgerechte holier-than-thou-Gefühl ist weg. Schade, war ein gutes Gefühl.

Updat II: Antje Schrupp verwendet das Wort Frauen jetzt mit *, was ich sehr hübsch finde, denn dieser Beitrag könnte im Grunde auch von Männern* handeln – es gibt auf beiden (oder mehr, da ist sich der feministische Diskurs nicht einig) Seiten so ne und so ne.

Ach, so geht Rap? Du musst einfach ein unzivilisierter Depp mit einem dramatisch begrenzten Wortschatz sein?

28 Jun

Whoa. D i e s e Form der Jugendkultur habe ich bis bisher nicht wahrzunehmen beliebt, schon weil mir anderer Leute Halslose und Schwererziehbare (ich selbst habe keine Kinder) sowas von am Gluteus Maximus vorbei gehen. Nicht schön, aber ist so; gegen meinen Elfenbein-Turm brandet schon genügend Erwachsenen-Schwachsinn.  Zudem höre ich wohl die falschen Sender bzw. klicke auf Videos, die entweder dem Mainstream zuzuordnen sind oder mir als künstlerisch / avantgardistisch empfohlen werden. Die Störenfriedas haben mich nun über die härteren Spielarten des Rap aufgeklärt – wobei ich froh war, noch nichts gegessen zu haben, als ich über deren Beitrag in Facebook stolperte, gefunden von der allzeit wachen Antje Schrupp. (Sie ist eine schreibende Feministin, die ich gern lese, weil sie so unaufgeregt argumentiert – während einer wie mir schnell mal das Frühstück aus der Fresse fällt, wenn ein Begriff wie „rape culture“ in seiner ganzen Tragweite zu mir durchdringt.) Seit mir Rainer Weber das Buch „In Over Our Heads“ empfohlen hatte, in dem Robert Kegan u. a. erklärt, warum Jugendliche tatsächlich noch nicht ganz trocken hinter den Ohren sind, also auch aus hirnphysiologischer Sicht sehr schwierig im Umgang, habe ich mich ohnehin  nicht mehr mit jugendlicher Grausamkeit, fehlgeleiteter Adoleszenz, mangelnden Vorbildern etc. beschäftigt. Doch natürlich beobachte ich – draußen im wahren Leben – auch ein paar Dinge, die ich z. B. hier im Blog notiere. Wobei mir als Nicht-Kinderbesitzerin selbstverständlich die Berechtigung abgesprochen wird, mich über die Erziehungsfehler von Kinderbesitzern zu mokieren. Dass zum  Beispiel a l l e kleinen Mädchen rosa Fahrräder und rosa Fahrradhelme tragen müssen. Oder dass moderne Erziehungsberechtigte meinen angeleinten Hund entweder ängstlich und/oder aggressiv mustern (Männer) oder ihr Kind gleich an die Brust reißen (Frauen), sobald sie unserer ansichtig werden.  Oder dass der Umgangston zwischen Jugendlichen, im Eiscafé belauscht, wirklich zu wünschen übrig lässt. Und natürlich ist mir nicht entgangen, dass Bushido einen Bambi gekriegt hat – gut, das hat Tom Cruise auch, und ich muss ja nicht alles verstehen.

 

Mord aus unerwiderter „Liebe“ – #NotAllMen

27 Mai

Immer wenn ich denke, es gäbe eigentlich keine interessanten FrauenFragen mehr zu bearbeiten, poppt ein Aspekt im öffentlichen Diskurs auf, der Türen zu neuen Überlegungen öffnet. Über Liebe z. B. habe ich noch nie geschrieben. Wobei es im vorliegenden Fall eher um „Liebe“ geht, wie Antje Schrupps Beitrag „Die weibliche Pflicht zu lieben, von Andreas Capellanus bis Eliot Rodger“ zeigt: Die Überfrachtung des Begehrens mit einem Konstrukt aus gesellschaftlichen Zeichen und Ritualen. “ Es ist ja keineswegs so“, schreibt sie hier, „dass immer alle Männer einen Anspruch auf Sex (oder Zuwendung) aller Frauen hätten. Das Ganze ist vielmehr eingebettet in ein fest kulturell verankertes Geschlechterarrangement, das genau festlegt, welche Männer wann und warum einen Anspruch auf die Zuwendung welcher Frauen haben – und wann nicht.“

Salon hingegen weitet den Blick auf die neue Qualität von Gewalttätigkeit junger Weißer Männer vom feministischen Aspekt auf das Große Ganze, fragt: „Warum ist es immer ein weißer Mann?“ und kommt zu dem Schluss, dass diese Gruppe von der ganzen Gesellschaft in Gestalt des Finanzamts, der Versicherungen, Gewerkschaften oder großer Firmen besonders ungerecht und also lieblos behandelt wird – sie fühlten sich betrogen, verraten, marginalisiert und ticken irgendwann aus. Diese zornigen Männer sehen sich als Opfer und suchen ihrerseits Opfer: “ …some of these obedient men have now been replaced by violent men, who lash out at their spouses, while their sons learn their lessons well, as they drive through suburban neighborhoods looking for immigrants to beat up, and even to kill. Despite these enormous class differences, these different groups of white men are angry—angry at a system that has so let them down.“

Und ich wundere mich angesichts der Umstände eigentlich nur, dass nicht auch Frauen beginnen, durchzudrehen. Sie sind ja genauso Opfer dieses Systems – und zusätzlich oft Opfer von Männern, die auf das System wütend sind. #YesAllWomen

Update: Der Mörder war nur halb weiß. Mehr über mögliche rassistische Konnotationen hier.

Update 2: Das böse Weib gehört auch noch hierher.

 

Du bist also eine Frau? Gut und schön – Hauptsache, du redest nicht drüber

20 Jan

Sheryl Sandberg tut es trotzdem:

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein

19 Jan

Ist es nur mein Eindruck oder beschreibt diese Psychologie-Studentin wirklich, wie krass lahmarschig Deutschlands Fräuleins drauf sind? Via Antje Schrupp

Will I be pretty?

27 Mrz

Man, she’s pretty angry, isn’t she. Katie Makkai, a veteran poetry slammer – defining the word „pretty“.

Via Upworthy

Fashion Victims, oder: Wozu brauchen wir Mode?

4 Feb

Aus der Internet-GAZETTE. Dieser Beitrag fiel mir ein, als ich mich neulich durch diverse Street-Style-Blogs klickte.

Sie halten Mode für ein oberflächliches Thema? Nun, Sie irren sich. Viele Frauen (und manche Männer) empfinden die Kleiderordnungen der jeweiligen Saison als belastend. Mehr noch: Die gängigen „Dress-Codes“ sind symptomatisch für einen „Lifestyle“, den eigentlich keine, die noch bei Verstand ist, länger mitmachen will.

Wir haben noch kein Wort für einen Faschismus des Profits. Das ist etwas wirklich Neues“, bemerkte George Steiner in einem Interview anlässlich der Entgegennahme des Ludwig-Börne-Preises. Die verrückte Geldanbetung hat kuriose Auswirkungen auf den Alltag, auch und gerade den von Frauen (von gleichem Lohn für gleiche Arbeit und dem hohen Prozentsatz der Altersarmut bei Frauen will ich nicht schon wieder anfangen; auch nicht von den ausbeuterischen Umständen, unter denen zum Beispiel Markenmode in „armen“ Ländern hergestellt wird).

Nehmen wir nur mal die Arbeitszeiten, und ich meine jetzt nicht McJobs, sondern die Art von Karriere, die dir eine halbwegs vernünftige Altersvorsorge überhaupt erst ermöglicht: Eine Freundin arbeitet bei einer großen Bank, und 12-Stunden-Tage findet sie völlig normal. Ich persönlich fände es entwürdigend, wenn sich mein „Leben“ zwei Mal im Jahr auf den Malediven oder Mauritius abspielte.

Ebenso normal kommt ihr vor, w i e sie da hingeht: In diesen von Frauenzeitschriften als „power dress“ bezeichneten Kostümchen oder Hosenanzügen von Designerlabels, für die sie regelmäßig einen ordentlichen Teil ihres Gehalts hinblättert. Nicht dass sie darin besonders toll aussehen würde – wenn ich ganz ehrlich bin: Das Gegenteil ist der Fall.

Ist sie also blöd, weil sie sich täglich für Klamotten abrackert, in denen jede Frau wirkt wie eine Karikatur, die aber nun mal dem „Dress-Code“ des Arbeitsplatzes entsprechen? Nein. Sie unterliegt einem Gruppendruck, der uns – mehr oder weniger subtil – vom Kindergarten an („bäh, deine Turnschuhe sind ja gar nicht von xy!“) zu jedem besseren Arbeitsplatz begleitet. In Redaktionen oder TV-Firmen zum Beispiel muss eine Assistentin so lange aussehen, als würde sie sich gleich beim „Unser Sender-sucht-das-Äffchen-des-Jahres-Contest“ bewerben, bis sie sich endlich als Chefin auch so ein Designer-Lackaffen-Kostüm kaufen darf.

Für Männer gilt, in abgemilderter Form, ein ähnliches „Dress for Success“-Gebot. Gehobene Angestellte sind meistens Bürschchen im Dreiteiler, die von Traumquoten und dem großen Absahnen träumen und jemand wie den alten Kirch oder Michael Douglas (in seiner Rolle als 90er-Jahre-Börsen-Bösewicht) für eine Vaterfigur halten. Richtig kleidsam wird „die Krise“ wahrscheinlich erst, wenn auch die in abgetragenem Kaschmir auf der Straße sitzen: Wie Vietnam-Veteranen, die nichts anderes gelernt haben als das Töten, irren sie dann herum und brabbeln etwas von „Kernzielgruppe“ oder „lean management“ vor sich hin, während Ex-McKinsey-Manager versuchen, die Polizisten „outzusourcen“, die sie von den warmen U-Bahn-Schacht-Abzügen vertreiben wollen.

Erst wenn die ganze Unkultur dieses Profit-Faschismus zusammenkracht, haben wir vielleicht eine Chance, unser Leben zurück zu bekommen. Na schön, manche von uns dürfen dann vielleicht kein besonders langes erwarten, und wenn, dann laufen sie mit Zahnlücken herum. Denn wie uns Leute wie weiland Ulla Schmidt (erinnert sich noch jemand an das näselnde Ungeheuer?) oder Horst Seehofer beigebracht haben, kennt Geldgier keine Partei; in beiden Fällen haben die dussligen Krankenversicherten, die auf der Welle der „Solidargemeinschaft“ surfen wollten, eben Pech. (Wieso werde ich den Verdacht nicht los, dass es vor allem Frauen sein werden, die nicht genug Kohle für all die geplanten Zusatzversicherungen und Zuzahlungen auftreiben können?)

Aber wer weiß, wofür das alles gut ist. Die Zahnärztin, von der ich gehört habe, dass sie im Urlaub nach Afrika fährt, um den Leuten dort umsonst die Zähne zu richten – vielleicht bleibt sie demnächst einfach hier und richtet unsere? Vielleicht etablieren sich mehr Tauschringe wie „Lets“, in denen sich die Leute gegenseitig zur Hand gehen – schreibst du mir den Anwaltsbrief, repariere ich deine Waschmaschine? Klar wird es auch hier Gemauschel mit „Beziehungen“ geben, und die älteren Ossis werden damit besser zurecht kommen. Die haben eh immer über die soziale Kälte hier gemeckert.

Schieber, bestechliche Beamte und Kriegsgewinnler jeglicher Couleur werden natürlich weiterhin den Reibach machen, aber vielleicht bekommen wir dafür auch eine Art Neo-AntiFa für Konsumenten? Wäre noch nicht mal das Schlechteste. Auf jeden Fall können wir dann wieder anziehen, was wir wollen. Auf den Laufstegen der Welt werden die Reichen schon heute darauf eingeschworen, dass Lumpen chic sind. „Vintage“ nennen sie das, wenn die Jeans älter als zwei Jahre sind und nicht von xy. Wobei es die, künstlich patiniert, längst auch schon von xy gibt… und sich immer ein paar zurückgebliebene Tussen finden, die den Mist kaufen. Wir anderen werden auf jeden Fall perfekt geschminkte Münder haben. Denn in jeder neuen Krise lese ich, dass Frauen sich in schlechten Zeiten zwar nichts zum Anziehen kaufen – aber ein neuer Lippenstift ist immer drin.

Die nächste FrauenFrage, oder: Worüber soll ich denn jetzt noch schreiben?

20 Jan

Wenn ich die letzten fünfzehn Jahre Arbeit an der GAZETTE Revue passieren lasse (ab 1998 im Internet. seit 2004 gedruckt), bekomme ich das Gefühl, bereits zu jedem „Frauen“-Thema (das eigentlich immer ein Thema ist, das Männer ganz genauso betrifft, aber sagen Sie das nicht weiter) etwas geschrieben zu haben. Soll ich’s jetzt gut sein lassen, die vorhandenen Glossen in einem Buch archivieren und mich dann mit etwas anderem beschäftigen? Irgendetwas Nützlichem? Vorschläge können über die Facebook-Seite der GAZETTE gemacht werden. Ansonsten hier die vorerst letzte FrauenFrage, die in der Nr. 34  vom Sommer 2012 unter dem Titel „Gschlamperte Verhältnisse“ erschienen ist.

In die Mann-Frau-Sache ist wieder Bewegung gekommen. Noch ist allerdings nicht klar: Bringt uns die nach vorne – oder geht sie nach hinten los? Versuch einer Bestandsaufnahme von Eva Herold

 Dass die wirkmächtigen Mechanismen der globalisierten Märkte ausbeuterische, vom Wettbewerb getriebene und letztlich unglückliche Wesen jeglichen Geschlechts hervorbringen, beklagen inzwischen auch aufgeklärte Männer. Doch diese Denkrichtung ist alles andere als konsensfähig. Im Gegenteil: Auf diversen Internetseiten tummeln sich anachronistische, auf Krawall gebürstete Gruppierungen von antifeministischen Männern, die „den Feminismus“ für Mainstream halten. „Schön wär’s“!, seufzen dessen Vertreterinnen, von den zornigen Omas der frühen Emma-Schule bis zu den oft ein wenig blasiert wirkenden Third Wave-Theoretikerinnen.

Für ihren Dokumentarfilm Flirten auf Russischvon 2011 begleitete Alina Teodorescu junge Moskauerinnen beim Absolvieren diverser „Weiblichkeits-Coachings“. Die jeweiligen Kursleiterinnen waren einhellig der Meinung, dass Frauen über dem turbokapitalistischen Karriere-Gedöns immer mehr „vermännlichten“ und sich schleunigst wieder auf ihre Sexualität und vor allem auf ihre äußeren Werte besinnen sollten. In den Zwischenschnitten sah man denn auch überproportional viele – nach westeuropäischen Standards arg auffällig – herausgeputzte Dämchen durch den großstädtischen Alltag stöckeln.

Die Seminare boten jede Menge Hilfreiches, von der praktischen Anleitung zur Penis-Stimulation bis zu so tiefen Einsichten wie „Zeige einem Mann nie, wie stark du bist. Lass ihn spüren, das er dein Gott ist, dein Lehrer…“. Nach den Beweggründen für die Teilnahme am Coaching befragt, berichtete eine, sie habe ihren Mann verlassen, nachdem er sie geschlagen hatte, „vor meinem Kind“, und dass sie wieder lernen möchte, „weicher“ zu sein, liebevoller… Dann wurde fleißig weiter geübt: geheimnisvoller Augenaufschlag, verführerische Gesten, neckische Kopfhaltung.

Jetzt halt mal: Was haben wir da gesehen? Ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen althergebrachter Geschlechterklischees? Oder doch eher die Zukunft – das, was uns auch hierzulande ins Haus steht? So unwahrscheinlich ist das gar nicht, wenn wir davon ausgehen, dass Frauen zu allen Zeiten flexibel sein, sich den Gegebenheiten anpassen mussten. Trümmerfrau nach dem Krieg? Bitte sehr. Und als der Wiederaufbau geleistet war? Rasch zurück an den Herd im Westen, und im Osten buckeln in Kombinat oder Kolchose. Der Sozialismus hat Müttern trotz staatlich verordneter Kinderbetreuung nicht zu einem selbstbestimmten Leben verholfen, und die Emanzipation konnte berufstätigen Frauen zwar auf die Sprünge helfen, aber eben auch nur bis zur „gläsernen Decke“, jener unsichtbaren Grenze, die weibliche Konzern-Vorstände zu einer seltenen Spezies machen. Und nun, da der Neoliberalismus seinen Pyrrhus-Sieg in Form von ungebremster Raffgier feiert und damit globale Krisen heraufbeschwört, entdecken osteuropäische Frauen das Leitbild des Luxus-Weibchens neu. Momentan hoffen wir im Westen noch auf ein Praktikum, einen Halbtagsjob oder, ganz neue Idee: das Erziehungsgeld. Es könnte durchaus sein, dass sich da so manch eine gern auf die bewährten Manipulations-Kniffe besinnt, und viele der neuen Antifeministen wird’s freuen. Was hat es bloß mit diesem Backlash auf sich?

Vielleicht beobachten wir hier das berühmte „Pendel der Geschichte“ in Aktion. Wenn ja, schwingt es jetzt allerdings auf einer anderen Ebene, denn „der Markt“ hat die Männer genauso verunsichert. Ihre Arbeit ist nicht mehr viel wert, ihre Rolle als Haushaltsvorstand obsolet; wenn beide Partner verdienen müssen, um über die Runden zu kommen, kann er noch eine Zeit lang versuchen, den Kurs zu bestimmen, doch irgendwann wird sie ihn darauf hinweisen, wie sehr unbezahlte Familienarbeit in ihrer Rechnung zu Buche schlägt, und dass hier zwei Gleichberechtigte entweder an einem Strang ziehen, oder: tschüss.

 Inzwischen können wir allerdings auch das Erstarken einer „Männerbewegung“ beobachten, die allerdings in unterschiedlichen Ausprägungen daherkommt. Einmal als Rekurs auf die „Wann ist ein Mann ein Mann?“-Ratlosigkeit der frühen 1980-er Jahre, als die ersten „Softies“ den „Machos“ Konkurrenz machen wollten. 30 Jahre später heißt es im Männer-Manifest der nordrhein-westfälischen Grünen: „Die Krise ist männlich. Klimakrise, Finanz- und und Wirtschaftskrise, Hunger- und Gerechtigkeitskrise, all dies sind direkte Folgen einer vor allem „männlichen“ Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftweise (…)“.

 Als diese „Grünen Feministen“ 2011 an die Öffentlichkeit gingen, war der Beifall eher mäßig. Wahrscheinlich, weil sich die an sich vernünftigen Forderungen recht ungewohnt anhören: „Wir sind keine Dinosaurier mehr. Wir wollen auch keine Alleinernährer sein. Wir wollen weniger Leistungsdruck, bessere gesundheitliche Prävention und mehr wertvolle Zeit (ich nehme an, das ist die etwas unbeholfene Übersetzung des Mode-Anglizismus‘ „quality time“). Wir wollen keine Helden der Arbeit sein, wir wollen leben. Wir wollen Macht, Verantwortung und Pflichten teilen und das Korsett alter Geschlechterrollen von uns reißen. Wir wollen neue Perspektiven für Männer im 21. Jahrhundert!“ Der Sachbuchautor Ralf Bönt wiederum nennt seine aktuelle Streitschrift Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mannund sich selbst auf keinen Fall einen Feministen, obwohl er die genannten Forderungen durchaus teilt – nur dass er sich außerdem vehement dagegen wehrt, als Besitzer einer größeren Menge an Testosteron auf sexistische Weise kriminalisiert und als Vater marginalisiert zu werden.

Selbstverständlich formierten sich im Internet gegen derlei verheultes Gewäsch sofort radikale „Männerrechtler“. Sie haben anscheinend kein Problem damit, als potentielle Vergewaltiger, Kinderschänder oder Kriegsverbrecher zu gelten, spüren auch den Wunsch nach einem (für uns, für die Welt) gesünderen Lifestyle nicht so dringend – und kämpfen lieber für den Erhalt des seit der Steinzeit bewährten Geschlechtermodells. Da wird viel Biologistisches zitiert, gern aus Steven Pinkers sehr amerikanischen Schmöker Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur von 2003. Man schwadroniert über genetische Prädispositionen neuronaler Verknüpfungen und die diversen Hormonausschüttungen bei männlichen und weiblichen Säugetieren… Evolution halt, da kann man nix machen. Du Tarzan, ich Jane, wir sind nun mal Primaten, nicht wahr, und wann hätte menschliches Denken und Wollen je etwas verändert?

Am Start ist noch eine kleine dritte Gruppierung – ebenfalls netz-affine junge Männer, die am liebsten die ganze Gender-Frage umschiffen würden, indem sie sich als „Post-Gender“ bezeichnen. Lautes Aufheulen, sowohl bei vielen Feministinnen, die finden, es habe sich noch längst nicht genug getan bei der anvisierten Gleichstellung, als auch bei einer Fraktion mit dem leicht albernen Namen „Maskulisten“. Folgender Kommentar auf einer ihrer Seiten mit dem programmatischen Namen „Alles Evolution“ illustriert recht hübsch das – männliche – Gefühl, vom weiblich geführten Diskurs dominiert zu werden: „Armselig von den Piraten ist es, sich in gleicher Weise undifferenziert gegen Maskulisten und Männerrechtler zu wenden und die gleichen stereotypen Vorwürfe zu äußern, die auch ihnen, den Piraten, vorgeworfen wurden (männlich hegemonial, reaktionär, da keine Frauenquote, frauenfeindlich etc.). Sie sollten eigentlich besser wissen, wie der Hase läuft: wer nicht gleichgeschaltet feministisch operiert, der wird diffamiert. Es scheint, dass es in der BRD keine feminismuskritische Partei geben darf, und sei sie noch so klein. Wenn die Piraten glauben, sie könnten so ziemlich jede politische Strömung integrieren, dann sind sie auf dem Holzweg. Es gibt nun mal unvereinbare Standpunkte. Post-Gender und Feminismus gehen nie zusammen.“ (Hervorhebungen von mir – ich habe mir auch erlaubt, die schlimmsten Rechtschreibfehler zu tilgen.)

 Diese Spielart der Männerbewegung verharrt eisern im Patriarchatsmodus, fühlt sich von der Idee einer Frauenquote extrem belästigt und wird etwa von der Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp (die statt Quote ohnehin lieber bessere Frauen-Netzwerke sähe) hingenommen „wie schlechtes Wetter oder eine Lungenentzündung“. Solche Männer meinte Christian Saehrendt wahrscheinlich im Interview zu seinem Buch Blamage! Geschichte der Peinlichkeit, als er sagte: „Wenn ich einen Autoreifen nicht wechseln kann, trifft mich das als Mann generell immer noch härter als eine Frau.“ Ja klar.

Man könnte sich durchaus vorstellen, dass stramme Maskulisten trotz ihrer überragenden handwerklichen Geschicklichkeit beim intelligenteren Teil des schönen Geschlechts noch eine Weile schlechte Karten haben werden und daher gut beraten sind, sich schon mal ein paar Kataloge mit heiratswilligen Osteuropäerinnen zeigen zu lassen. Russinnen zum Beispiel, siehe oben. Von denen soll es fünf Millionen mehr geben als Russen, was vielleicht wenigstens zum Teil ihre Bereitschaft erklärt, an Flirt-Workshops teilzunehmen.

Aber – O wie so trügerisch sind Weiberherzen – es könnte genauso gut sein, dass auch die Unterzeichner des Grünen Männer-Manifests nur den Kinderwagen schieben dürfen und sonst nichts. Denn eine leise Sehnsucht nach Heldentum ist allenthalben zu spüren, etwa bei der Berichterstattung über den Geckenkapitän der havarierten „Costa Concordia“, der sich nun wirklich bis auf die Knochen blamiert hat. Über den echten Kerl als Auslaufmodell sinniert folgerichtig die Publizistin Cora Stephan in ihrem Radio-Essay Mann über Bord: „Noch nicht mal in der christlichen Seefahrt lässt er Frauen und Kindern den Vortritt, dieser Warmduscher und Stoßlüfter, der für nichts und niemanden Verantwortung übernimmt, schon gar nicht für sich selbst.“ Sie kommt zu dem Schluss, dass, wenn die Männer’s nicht täten – Verantwortung übernehmen –, es schließlich noch die Frauen gäbe. Ehrlich begeistert klingt das nicht.

Zwischenstand: Nach wie vor stehen Sieger und Verlierer im Kampf der Geschlechter nicht fest. Männer sterben im Durchschnitt ein paar Jahre früher, aber wer sagt denn, dass sie fröhliche Witwen hinterlassen? Dagegen spricht schon die Altersarmut, die meist Frauen mit voller Wucht trifft. Denn das Imperium schlägt auf jeden Fall zurück, wenn es sein muss, eben in der althergebrachten Form: schlechtere Jobs, am besten solche im Dienstleistungs- und Empathie-Sektor; und wo’s eine schafft, in die „richtige“, sprich: männliche Businesswelt einzusteigen, bekommt sie trotz gleicher Leistung nicht die gleiche Bezahlung. Laut der jüngsten OECD-Studie liegt Deutschland hier an drittletzter Stelle der 34 Industrieländer – nur in Japan und Korea ist der „Gender Gap“ größer; mit drei Prozent haben wir außerdem in Europa die kleinste weibliche Besetzung bei hochrangigen Vorstandsposten.

Das Problem liegt leider ganz woanders. Die „richtige“ Wirtschaft, die ständig wachsende, auf Gewinnmaximierung fixierte globale Ausbeutungsmaschinerie ist gerade dabei, sich als die komplett falsche zu erweisen. Nur gemeinsam werden wir in der Lage sein, neue, irdische und menschliche Ressourcen schonende Wirtschafts- und Lebensmodelle zu entwerfen, um dem zerstörerischen Hamsterrad zu entrinnen. Lasst uns also weiter träumen von einer Gesellschaft, in der sich dann auch alle zu gleichberechtigten Paaren finden: Männer und Frauen, und, wenn’s etwas weniger heteronormativ sein darf: Frauen und Frauen, Männer und Männer, Hermaphroditen sowie, wer weiß, eines Tages auch Androiden.

Quellen:

http://www.thelocal.de/national/20120305-41155.html

http://www.randomhouse.de/Paperback/Das-entehrte-Geschlecht-Ein-notwendiges-Manifest-fuer-den-Mann/Ralf-Boent/e404456.rhd?mid=4&serviceAvailable=true&showpdf=false#tabbox

http://web.fu-berlin.de/gpo/pdf/kerner/kerner.pdf

http://allesevolution.wordpress.com/2012/02/07/die-piratenpartei-und-der-feminismus-ein-offener-brief/

http://medienelite.de/lesenswert/

http://aim-gender.ruendal.de/__oneclick_uploads/2009/03/hirsch.pdf

http://tedxwomen.org/2012/02/23/kristof-compassion-and-the-written-word/

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1687824/

http://antjeschrupp.com/2012/03/01/ich-fordere-nichts-von-mannern-was-ich-stattdessen-tue/

Die Pseudonyme. Wegen der Transparenz? Nee, der Vollständigkeit halber

15 Jan

Wie werde ich Neo-Nazisse? war, glaube ich, nach dem Brief aus der Schweiz die erste Folge der FRAUENFRAGEN unter eigenem Namen – damals noch in der Internet-GAZETTE. Vor fast 12 Jahren. Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert.

Unter dem Pseudonym Elke Pohn – verstehen Sie den Wortwitz, gnädige Frau? Man muss es laut aussprechen – gab’s ein halbes Jahr zuvor schon einen Hauch Medien-Kritik – total ungegendert.

Irgendwann firmierte ich auch unter Ede L. Weiss (geklaut von Herrn Grote). Das beste Pseudonym, unter dem ich je geschrieben habe, war jedoch Waldo Scared Shitless III. – allerdings finde ich „seine“  Beiträge nicht mehr.