Ein auch nicht ganz neues, aber unbedingt aktuelles Interviwe mit Juli Zeh hat mich dazu inspiriert, die FrauenFragen aus der Print-GAZETTE vom März 2005 online zu stellen. Die Glosse erschien unter dem Titel “Meine erste Verfassungsbeschwerde”.
Leute, die wegen jeder Unstimmigkeit in der Nachbarschaft gleich zum Kadi rennen, habe ich immer albern gefunden. Dass ich mich selbst einmal hilflos oder ungerecht behandelt oder ausgegrenzt genug fühlen würde, um ein Gericht anzurufen, hätte ich ehrlich nicht von mir gedacht. Aber jetzt ist es soweit. Und Gottseidank sind die Deutschen verrückt genug, meinem Anliegen auch noch entgegen zu kommen. Ich sage nur: ADG. Aber immer der Reihe nach.
Als letztes Jahr das Rauchen in irischen Pubs verboten wurde, rieb ich mir die Hände: Nun werden die Iren, diese doch von Natur aus unangepassten Typen, ihrer Regierung aber zeigen, wie Revolution funktioniert! Und was passiert? Nix. Eine ältere Dame aus Dublin, selbst Nichtraucherin, antwortete auf die entsprechende Frage: Ja, sie sei auch wahnsinnig enttäuscht von ihren Landsleuten. Sie hätte erwartet, dass die sich wehren, aber nein: Da stünden sie nun brav und frierend vor den Kneipen… sehr traurig sei das.
Dann wurde in italienischen Bars und Restaurants das Rauchen verboten. Ah, dachte ich: Die Italiener! Die lassen so etwas nicht mit sich machen, für die sind Gesetze doch nur dazu da, um gebrochen zu werden! Ach, Pustekuchen. Rauchen sie halt keine Zigarette zum Espresso. Oder trinken ihren Espresso zu Hause; dumm gelaufen für das Gastgewerbe.
Als nächstes stand in der Süddeutschen Zeitung: Rauchverbot auf dem Wiener Opernball. Figuren wie “Mörtel” ohne Zigarre gegenüber zu treten – eine abartige Vorstellung! Der Kollege vom “Streiflicht” meinte es sicher nur satirisch, dass man dort demnächst Nikotin-Inhalatoren für den “Notfall” aufstellt… das würde doch zu stark an die Methadon-Programme für Junkies erinnern, oder? Andererseits wäre so ein Wahnwitz Wasser auf meine Mühlen – für jene nicht allzu ferne Zeit, wenn auch hierzulande die Vernünftigen und Tugendhaften den Rauchern verbieten wollen, ihrem Laster in aller Öffentlichkeit zu frönen. Denn die zwangsverordnete Gesundheitsfürsorge wird, wie ich uns kenne, dazu führen, dass jeder Depp mit Hausmeister-Gemüt dich auf der Straße blöd anreden darf, wenn du dir eine ins Gesicht gesteckt hast.
Nun hätte man diese Entwicklung ja voraussehen können: Von Aerobics über Hire & Fire bis zu Fast Food hat noch alles, was unsere nordamerikanischen Freunde gerade gut fanden, den Weg über den großen Teich geschafft. Und in den USA gehörst Du als Raucher seit Jahren zu einer geächteten Randgruppe: Dort kann es sich nur noch der Unterschichtler leisten, mit Kippe erwischt zu werden. Alle anderen stimmen mit ein in das Lied von der Volksgesundheit (was sich angesichts der Millionen adipöser Frittenfresser ein wenig sonderbar ausnimmt, zugegeben): Rauchen ist schlecht für die Gesundheit, und wenn das tumbe Volk das nicht kapieren will, dann machen wir eben ein Gesetz, basta. In der Prohibitionszeit haben sie das mal mit Alkohol probiert; es entstand ein interessanter neuer Wirtschaftszweig. Dito mit dem Rauschgift. Bin schon gespannt, was das Rauchverbot – außer chicen Clubs für New Yorker Zigarrenfans – noch so hervorbringen wird.
Aber zurück zu uns: Alles Wesentliche zu den historischen und psychologischen Hintergründen der deutschen Anti-Raucher-Bewegung hat mein verehrter Kollege Hans Pfitzinger in der GAZETTE Nr. 2/04 bereits geschrieben. In völliger Verkennung der hiesigen Zustände sagte unlängst Art Spiegelmann einem ZEIT-Interview, dass er am liebsten nach Europa umsiedeln würde, weil man da wenigstens noch rauchen darf. Sorry, Art. Auch hier sind die letzten Bastionen europäischer Lebensart dabei zu fallen. Und das, obwohl wir Raucher in Deutschland zum Beispiel mit der horrenden Tabaksteuer dem Eichel in seiner Bedrängnis beistehen wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe. Na gut, die Alkoholiker vielleicht. (Eigentlich merkwürdig, dass die weitersaufen dürfen. Sie haben vielleicht eine besser organisierte Lobby, nach dem Motto: Bedenken Sie, wie viele Arbeitsplätze verloren gingen, wenn all die Entzugskliniken mangels Kundschaft schließen müssten!)
Ich will aber gar nicht damit anfangen, Leberzirrhose gegen Lungenkrebs aufzurechnen; beides sorgt im Idealfall für ein sozialverträgliches Frühableben und hilft, die Renten- und Krankenkassen zu entlasten. Auch dem gern vorgebrachten Argument, dass Alkoholiker schließlich nur sich selbst schadeten, Raucher dagegen auch den Menschen in ihrer Umgebung, muss ich entschieden widersprechen: Wer wäre noch nie morgens in die zum Brechen reizende Fahne des Kollegen gelaufen oder abends in öffentlichen Verkehrsmitteln von enthemmten Betrunkenen belästigt worden? Zudem trägt, wer in einer Alkoholiker-Familie aufwächst, vielleicht keine physischen Schäden davon (abgesehen von den blauen Flecken, wenn Papi oder Mami im Suff ausrasten), aber dass er der Gesellschaft mit großer Wahrscheinlichkeit als gelernter Suchtkranker beitreten wird, kann man u.a. bei Anne Wilson Schaef (“Im Zeitalter der Sucht”) nachlesen. Auch die Schädigung der deutschen Volkswirtschaft durch den weit verbreiteten Alkoholismus ist öffentlich zugängliches Faktum. Das sind natürlich alles keine körperlichen Blessuren – und ausschließlich die scheinen in unserer geistfernen Gesellschaft zu zählen.
Nur: Menschen neigen nun einmal dazu, ungesunde Gewohnheiten zu haben; derlei kann man ebenso wenig gesetzlich verbieten wie Dummheit oder Ausländerfeindlichkeit. Aber genau so etwas versucht Deutschland jetzt, mit dem neuen Antidiskriminierungsgesetz (ADG). Es ist gut gemeint und dabei hinreißend weltfremd, weil wir in unserem Bestreben, alles hundertprozentig richtig zu machen, wieder mal maßlos übertreiben: “Nicht nur, wie von der EU vorgesehen, im Arbeitsleben”, schreibt Alexander Kissler in der SZ, “sondern im gesamten Zivilrecht sollen neben der ethnischen Diskriminierung zusätzlich Benachteiligungen wegen Geschlecht, Religion/Weltanschauung, Alter, Behinderung, sexueller Identität justitiabel sein. (…) Der Streitfall dürfte zu Regel werden, der gesellschaftliche Unfrieden wird wachsen.”
Genau. Wer mir also das Rauchen an öffentlichen Plätzen verbieten will, dem werde ich erklären, dass meine Weltanschauung es mir leider nicht ermöglicht, diese Welt mit all ihren gesunden, durchtrainierten, schönoperierten, RTL-glotzenden Vollidioten anders als in blauen Dunst eingehüllt ertragen zu können. Sie können hier gern eine anti-soziale Persönlichkeits-Struktur diagnostizieren; ich nenne es Notwehr, und wenn’s gar nicht anders geht, gründe ich eine neue schamanische Religion – jeder weiß doch, dass Rauchen da zwingend dazu gehört. Eventuell beantrage ich gleich noch einen Eintrag als gemeinnützig, inklusive Steuerminderung und Staatsknete. Oder ich entdecke, dass Rauchen im Restaurant zu meiner sexuellen Identität als befreite Frau gehört; mal sehen, wie der Wirt oder der Blockwart am Nebentisch meine Schadenersatzforderung finden. Oder ich lasse mir ein Attest schreiben, weil ich ja tatsächlich nur schreiben kann, wenn ich dabei eine Zigarette rauche: Sie wollen wirklich, dass berufsunfähig werde? Das kostet dann aber eine Kleinigkeit…
Ich werde sie alle mit Prozessen überziehen, bis ihnen die Augen tränen. Notfalls gehe ich bis ganz nach oben. Die Würde des Menschen undsoweiter. Denn ich fühle mich verdammt noch mal sowas von diskriminiert, wenn per Gesetz versucht wird, mich wegen einer Schwäche, einer schlechten Angewohnheit oder einer Methode, mich Gott näher zu fühlen – oder als was immer man meine Sucht betrachten möchte – in die Ecke zu stellen. Unvernünftig zu sein ist ein nicht verhandelbarer Teil meiner Menschenwürde, und das Recht, es in aller Öffentlichkeit zu sein, lasse ich mir nicht streitig machen. Außerdem: Selbst wenn ich mir das Rauchen abgewöhnen muss (in letzter Zeit huste ich doch ein bisschen viel, besonders morgens), sitze ich jederzeit lieber mit meinem Sauerstoff-Gerät in einem munteren Kreis von Rauchern und Trinkern, als mich mit einem dieser sauertöpfischen Reinheitsapostel auch nur über die Uhrzeit zu unterhalten. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden: Ich habe einen wichtigen Termin bei meinem Anwalt.
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