Wer bestimmt eigentlich, dass wir alle schlanke, sportliche Nichtraucher zu sein haben?

11 Mai

Ein auch nicht ganz neues, aber unbedingt aktuelles Interviwe mit Juli Zeh hat mich dazu inspiriert, die FrauenFragen aus der Print-GAZETTE vom März 2005 online zu stellen. Die Glosse erschien unter dem Titel “Meine erste Verfassungsbeschwerde”.

Leute, die wegen jeder Unstimmigkeit in der Nachbarschaft gleich zum Kadi rennen, habe ich immer albern gefunden. Dass ich mich selbst einmal hilflos oder ungerecht behandelt oder ausgegrenzt genug fühlen würde, um ein Gericht anzurufen, hätte ich ehrlich nicht von mir gedacht. Aber jetzt ist es soweit. Und Gottseidank sind die Deutschen verrückt genug, meinem Anliegen auch noch entgegen zu kommen. Ich sage nur: ADG. Aber immer der Reihe nach.

Als letztes Jahr das Rauchen in irischen Pubs verboten wurde, rieb ich mir die Hände: Nun werden die Iren, diese doch von Natur aus unangepassten Typen, ihrer Regierung aber zeigen, wie Revolution funktioniert! Und was passiert? Nix. Eine ältere Dame aus Dublin, selbst Nichtraucherin, antwortete auf die entsprechende Frage: Ja, sie sei auch wahnsinnig enttäuscht von ihren Landsleuten. Sie hätte erwartet, dass die sich wehren, aber nein: Da stünden sie nun brav und frierend vor den Kneipen… sehr traurig sei das.

Dann wurde in italienischen Bars und Restaurants das Rauchen verboten. Ah, dachte ich: Die Italiener! Die lassen so etwas nicht mit sich machen, für die sind Gesetze doch nur dazu da, um gebrochen zu werden! Ach, Pustekuchen. Rauchen sie halt keine Zigarette zum Espresso. Oder trinken ihren Espresso zu Hause; dumm gelaufen für das Gastgewerbe.

Als nächstes stand in der Süddeutschen Zeitung: Rauchverbot auf dem Wiener Opernball. Figuren wie “Mörtel” ohne Zigarre gegenüber zu treten – eine abartige Vorstellung! Der Kollege vom “Streiflicht” meinte es sicher nur satirisch, dass man dort demnächst Nikotin-Inhalatoren für den “Notfall” aufstellt… das würde doch zu stark an die Methadon-Programme für Junkies erinnern, oder? Andererseits wäre so ein Wahnwitz Wasser auf meine Mühlen – für jene nicht allzu ferne Zeit, wenn auch hierzulande die Vernünftigen und Tugendhaften den Rauchern verbieten wollen, ihrem Laster in aller Öffentlichkeit zu frönen. Denn die zwangsverordnete Gesundheitsfürsorge wird, wie ich uns kenne, dazu führen, dass jeder Depp mit Hausmeister-Gemüt dich auf der Straße blöd anreden darf, wenn du dir eine ins Gesicht gesteckt hast.

Nun hätte man diese Entwicklung ja voraussehen können: Von Aerobics über Hire & Fire bis zu Fast Food hat noch alles, was unsere nordamerikanischen Freunde gerade gut fanden, den Weg über den großen Teich geschafft. Und in den USA gehörst Du als Raucher seit Jahren zu einer geächteten Randgruppe: Dort kann es sich nur noch der Unterschichtler leisten, mit Kippe erwischt zu werden. Alle anderen stimmen mit ein in das Lied von der Volksgesundheit (was sich angesichts der Millionen adipöser Frittenfresser ein wenig sonderbar ausnimmt, zugegeben): Rauchen ist schlecht für die Gesundheit, und wenn das tumbe Volk das nicht kapieren will, dann machen wir eben ein Gesetz, basta. In der Prohibitionszeit haben sie das mal mit Alkohol probiert; es entstand ein interessanter neuer Wirtschaftszweig. Dito mit dem Rauschgift. Bin schon gespannt, was das Rauchverbot – außer chicen Clubs für New Yorker Zigarrenfans – noch so hervorbringen wird.

Aber zurück zu uns: Alles Wesentliche zu den historischen und psychologischen Hintergründen der deutschen Anti-Raucher-Bewegung hat mein verehrter Kollege Hans Pfitzinger in der GAZETTE Nr. 2/04 bereits geschrieben. In völliger Verkennung der hiesigen Zustände sagte unlängst Art Spiegelmann einem ZEIT-Interview, dass er am liebsten nach Europa umsiedeln würde, weil man da wenigstens noch rauchen darf. Sorry, Art. Auch hier sind die letzten Bastionen europäischer Lebensart dabei zu fallen. Und das, obwohl wir Raucher in Deutschland zum Beispiel mit der horrenden Tabaksteuer dem Eichel in seiner Bedrängnis beistehen wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe. Na gut, die Alkoholiker vielleicht. (Eigentlich merkwürdig, dass die weitersaufen dürfen. Sie haben vielleicht eine besser organisierte Lobby, nach dem Motto: Bedenken Sie, wie viele Arbeitsplätze verloren gingen, wenn all die Entzugskliniken mangels Kundschaft schließen müssten!)

Ich will aber gar nicht damit anfangen, Leberzirrhose gegen Lungenkrebs aufzurechnen; beides sorgt im Idealfall für ein sozialverträgliches Frühableben und hilft, die Renten- und Krankenkassen zu entlasten. Auch dem gern vorgebrachten Argument, dass Alkoholiker schließlich nur sich selbst schadeten, Raucher dagegen auch den Menschen in ihrer Umgebung, muss ich entschieden widersprechen: Wer wäre noch nie morgens in die zum Brechen reizende Fahne des Kollegen gelaufen oder abends in öffentlichen Verkehrsmitteln von enthemmten Betrunkenen belästigt worden? Zudem trägt, wer in einer Alkoholiker-Familie aufwächst, vielleicht keine physischen Schäden davon (abgesehen von den blauen Flecken, wenn Papi oder Mami im Suff ausrasten), aber dass er der Gesellschaft mit großer Wahrscheinlichkeit als gelernter Suchtkranker beitreten wird, kann man u.a. bei Anne Wilson Schaef (“Im Zeitalter der Sucht”) nachlesen. Auch die Schädigung der deutschen Volkswirtschaft durch den weit verbreiteten Alkoholismus ist öffentlich zugängliches Faktum. Das sind natürlich alles keine körperlichen Blessuren – und ausschließlich die scheinen in unserer geistfernen Gesellschaft zu zählen.

Nur: Menschen neigen nun einmal dazu, ungesunde Gewohnheiten zu haben; derlei kann man ebenso wenig gesetzlich verbieten wie Dummheit oder Ausländerfeindlichkeit. Aber genau so etwas versucht Deutschland jetzt, mit dem neuen Antidiskriminierungsgesetz (ADG). Es ist gut gemeint und dabei hinreißend weltfremd, weil wir in unserem Bestreben, alles hundertprozentig richtig zu machen, wieder mal maßlos übertreiben: “Nicht nur, wie von der EU vorgesehen, im Arbeitsleben”, schreibt Alexander Kissler in der SZ, “sondern im gesamten Zivilrecht sollen neben der ethnischen Diskriminierung zusätzlich Benachteiligungen wegen Geschlecht, Religion/Weltanschauung, Alter, Behinderung, sexueller Identität justitiabel sein. (…) Der Streitfall dürfte zu Regel werden, der gesellschaftliche Unfrieden wird wachsen.”

Genau. Wer mir also das Rauchen an öffentlichen Plätzen verbieten will, dem werde ich erklären, dass meine Weltanschauung es mir leider nicht ermöglicht, diese Welt mit all ihren gesunden, durchtrainierten, schönoperierten, RTL-glotzenden Vollidioten anders als in blauen Dunst eingehüllt ertragen zu können. Sie können hier gern eine anti-soziale Persönlichkeits-Struktur diagnostizieren; ich nenne es Notwehr, und wenn’s gar nicht anders geht, gründe ich eine neue schamanische Religion – jeder weiß doch, dass Rauchen da zwingend dazu gehört. Eventuell beantrage ich gleich noch einen Eintrag als gemeinnützig, inklusive Steuerminderung und Staatsknete. Oder ich entdecke, dass Rauchen im Restaurant zu meiner sexuellen Identität als befreite Frau gehört; mal sehen, wie der Wirt oder der Blockwart am Nebentisch meine Schadenersatzforderung finden. Oder ich lasse mir ein Attest schreiben, weil ich ja tatsächlich nur schreiben kann, wenn ich dabei eine Zigarette rauche: Sie wollen wirklich, dass berufsunfähig werde? Das kostet dann aber eine Kleinigkeit…

Ich werde sie alle mit Prozessen überziehen, bis ihnen die Augen tränen. Notfalls gehe ich bis ganz nach oben. Die Würde des Menschen undsoweiter. Denn ich fühle mich verdammt noch mal sowas von diskriminiert, wenn per Gesetz versucht wird, mich wegen einer Schwäche, einer schlechten Angewohnheit oder einer Methode, mich Gott näher zu fühlen – oder als was immer man meine Sucht betrachten möchte – in die Ecke zu stellen. Unvernünftig zu sein ist ein nicht verhandelbarer Teil meiner Menschenwürde, und das Recht, es in aller Öffentlichkeit zu sein, lasse ich mir nicht streitig machen. Außerdem: Selbst wenn ich mir das Rauchen abgewöhnen muss (in letzter Zeit huste ich doch ein bisschen viel, besonders morgens), sitze ich jederzeit lieber mit meinem Sauerstoff-Gerät in einem munteren Kreis von Rauchern und Trinkern, als mich mit einem dieser sauertöpfischen Reinheitsapostel auch nur über die Uhrzeit zu unterhalten. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden: Ich habe einen wichtigen Termin bei meinem Anwalt.

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Sechs, oder: Gibt es eine Verschwörung der Frisöre?

18 Apr

Heute mal was Leichtes (aus der frühen Online-Gazette).

Nein, ernsthaft, diese Frage ist nicht einfach einem irren Frauenhirn entsprungen; Kenner und Liebhaber von Verschwörungstheorien werden das sofort verstehen. (Damals, als mein Freund Hans die „Illuminatus-Trilogie“ von Robert Anton Wilson und Robert Shea gelesen hatte und uns alle mit der Zahl 23 nervte – lange vor dem gleichnamigen Film – dachte ich noch, der spinnt. Heute bin ich da nicht mehr so sicher… Aber das ist eine andere Geschichte.)

Also die Frisöre. Ist noch irgend jemand außer mir schon aufgefallen, was mit Frauen passiert, die einen toughen Job und/oder Kinder kriegen? Richtig: Sie lassen sich die Haare schneiden und eine dieser Frisuren basteln, die schon von weitem laut rufen: „Schau her, das ist praktisch, schnell geföhnt, macht keine Arbeit – und ich habe ja s o v i e l z u t u n (das muss man sich vorstellen in einer Tonlage zwischen leicht weinerlich und irgendwie total stolz). Beim Näherkommen meint man dann leises Murmeln zu hören: „.. und Sex habe ich schon lange nicht mehr, außerdem hätte ich sowieso keine Zeit dafür, und überhaupt, was soll‘s, mein Leben ist eh gelaufen.“

Diese Art Kurzhaarschnitt hat nichts zu tun mit dem rasanten Fasson-plus-Stirnlocke-Styling schicker Lesben, dem Jean Seberg-“Außer Atem“-Look oder dem genialen Raspelkopf einer Meret Oppenheim. Derlei Extravaganzen signalisieren eher: „Ist mir scheißegal, ob Männer mich attraktiv finden, hab ich doch gar nicht nötig.“ Und tatsächlich haben solche Frauen oft eine tolle Ausstrahlung, befeuert von der unschlagbaren Mischung aus Selbst- und Sendungsbewusstsein… Ich meine die anderen, die als lebendes Beweismaterial für den Spruch „A bad haircut is no laughing matter“ herumlaufen: Ihre „Haartracht der unglücklichen Frau“ legt den Nacken gerade weit genug bloß, dass eine demütige Haltung ganz von selbst kommt und zugleich jeder weiß: Wildwuchs wird hier nicht geduldet. Wer glatte Haare hat, bekommt eine „kleine Stützwelle“ (arghhhh). Wenn eine abstehende Ohren hat, kann sie sicher sein, dass der Frisör ihres Vertrauens die aller Welt zeigen will. Und wessen Stirnfalten Nachdenklichkeit oder gar zornige Aufmüpfigkeit verraten, wird garantiert zu einem flott gestuften Bob mit Ponyfransen verdonnert.

Das Resultat dieser subtilen Manipulationen sind Einheitsfrisuren, mindestens ebenso aussagekräftig wie die Zunft-Tracht und das Matronen-Häubchen von einst. Sie bewirkt, dass irgendwann alle Fernseh-Sprecherinnen aussehen wie eine Neuzüchtung aus dem Slomka-Bauer-Genpool (bis auf Anne Will, die hat dafür nur einen Gesichtsausdruck: „intelligent-ironisch“ – ich würde zu gern sehen, wie sie damit den Weltuntergang ansagt), und die Politikerinnen changieren lässt zwischen vermännlicht und madamig. Der Fluch der Frisöre trifft auch Gewerkschaftlerinnen und Geschäftsfrauen, und natürlich jedermanns Nachbarinnen mit ihrem praktischen Sechs-Zentimeter-Schopf.

Als Ursache dieses Frevels kommt eigentlich nur eine gigantische Verschwörung der Frisöre in Frage. Für die gibt es zwei Gründe. Erstens: Die „praktischen“ Kurzhaarschnitte musst du alle sechs Wochen nachschneiden lassen, sonst siehst du aus, als wäre deine Heckenschere neurotisch geworden und hätte sich gegen dich gewandt. Schlimm sind aber auch die „sexy“ Big Hair-Varianten, die seit „Dallas“ und „Denver“ jeden zarten Flaum mit Lockenwicklern und viel pappigem Gel (vormals: “Festiger”) in eine aufgeplusterte Mähne verwandeln wollen und so viel Tuning brauchen wie ein Bolide – von den „Extensions“ gar nicht zu reden, die müssen etwa so oft erneuert werden wie künstliche Fingernägel, spätestens aber, Sie haben es sicher erraten: alle sechs Wochen. Der Sechs-Wochen-Turnus ist die Rettung des Frisörwesens, davon lebt es. Und zweitens: Frisöre hassen Frauen.

Das ist nichts Ungewöhnliches und gilt genauso für Mode-Designer, Gynäkologen und Personal-Chefs. Aber wieso halten wir d i e nicht für unsere besten Kumpels, und Frisöre schon? Weil sie uns Kaffee anbieten, bevor sie sich an uns vergehen? Weil sie mit uns in Urlaub fahren, wenn der Alte uns wegen eines jüngeren Klons von uns selbst verlassen hat? Weil sie Frauen sind oder schwul und schon deswegen nicht so gemein? Hähä. Manche von denen haben ein speziell für sie reserviertes Plätzchen örtlichen Boulevard-Blatt, wo sie das, was im Salon als kostenlose Dreingabe dahinplätschert, öffentlich gegen Honorar tun – blöde Meinungen von sich geben und wüst klatschen. Eins ist klar: Frisöre “gehören zu den ersten, die an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt”. Dicht gefolgt von Versicherungs-Vertretern, Immobilen-Maklern und Push-up-BH-Herstellern.

Aber halt: Noch sind nicht alle Frauen Opfer dieser perfiden Machenschaften. Lasst uns mal nachdenken: Was haben sie, was die anderen nicht haben? Den Willen zur Macht? Mehr Intelligenz? Sinn für Ästhetik? Vielleicht einfach nur störrische Haare? Oder sind diese widerständigen Frauen überhaupt immun gegen die verschiedensten Einreden von Dummbeuteln – so, wie manche sich mitten in der Grippewelle partout nicht anstecken? Ich komm noch drauf. Inzwischen: Macht’s gut, und danke für den Fisch! (Aber das ist wieder eine andere Geschichte, diesmal von dem Verschwörungstheoretiker Douglas Adams, von dem das Zitat im letzten Absatz stammt. Aber das haben Sie ohnehin erkannt.)

PS: Statt einer Illustration gibt es hier ein Gedicht über geschwätzige Frisöre.

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Sind Hunde die besseren Lebensgefährten?

11 Apr

Dieser Beitrag aus der frühen Internet-GAZETTE fiel mir wieder ein, als ich mich mit einem freundlichen Fremden auf Twitter über unsere Windhunde unterhielt.

Das (einzig) Gute am Erwachsen-Sein ist, dass man sich alle Kinderträume erfüllen kann. Manche laden sich die Tiefkühltruhe voll mit Capri und Nogger (ganz klar Objekte des Begehrens aus der Prä-Magnum-Zeit). Und ich habe endlich einen Hund. Meine Eltern erlaubten mir nie einen; dem Konrad Lorenz wären sie deswegen suspekt gewesen, aber ich kann meine Mutter heute verstehen: Die ganze Arbeit wäre an ihr hängen geblieben. Und eine Töle macht  Arbeit.

Ich bekam den Hund von selbsternannten Tierschützerinnen, die in einer Art europäischem Netzwerk – von dem Politiker nur träumen können – ihre guten Taten tun: Da wird also ein streunender Rüde in Spanien an einen Baum gehängt und mit Steinen beworfen. Eine deutsche Dame, die dort seit 20 Jahren lebt, befreit ihn, lässt ihn impfen und gibt ihn einer deutschen Urlauberin mit nach Hause. Am Flughafen wird er von einer anderen Dame abgeholt und in einem privaten Zwinger untergebracht. Sie sucht nun per Anzeige einen „guten Platz“. Trottel wie ich gehen hin, kriegen vor Mitleid weiche Knie und adoptieren das arme Tier. Ende gut, alles gut?

Von wegen. Was die herzigen Damen nicht wussten: Der Hund ist mit Leishmanien befallen, die diverse grässliche Krankheiten auslösen können und mit denen, so die Tierärztin, sein Stoffwechsel im Süden ohne weiteres zurechtgekommen wäre. Der Stress der Flugreise, ein halbes Jahr deutscher Winter und das Eingesperrt-Werden brachten das Leiden erst so richtig zum Ausbruch: Der ehemalige Rennhund ist schwach, braucht täglich Medikamente und hat keine besonders gute Prognose. Andererseits wird er jetzt nicht mehr malträtiert, kriegt regelmäßig Futter und Streicheleinheiten.

So ein Dilemma entsteht, wenn Leute nicht systemisch denken. Frederik Vester hat mir das während eines Interviews zu seinem Buch Leitmotiv vernetztes Denken am Beispiel der Entwicklungshilfe erklärt: Solange man nicht alle Faktoren kennt und berücksichtigt, wie sie miteinander reagieren, wird die Sache zwangsläufig nicht so laufen wie gedacht. Meine Frage ist nun: Was wäre, wenn diese Damen, die ja offensichtlich viel Zeit, Geld und Mitgefühl übrig haben, das alles darauf verwendeten, sich hier im Land mit der gleichen Verve um vernachlässigte Kinder, Pflegeheim-Insassen oder Obdachlose kümmerten? Und: Wäre es besser, wenn i c h das täte, statt für die gleiche Kohle einen großen moribunden Windhund-Mischling zu päppeln?

Antworten habe ich keine. Allerdings nehme ich die Welt neuerdings anders wahr. Ich bemerke Kinder, die jeden Wuffi für einen Kampfhund halten, weil die Eltern Fernsehnachrichten gesehen haben. Mütter, die besagte Kinder angesichts eines angeleinten Hundes panisch an sich reißen. Männer, die die Straßenseite wechseln, wenn ich nachts mit dem Hund daherkomme. Nachbarn, die anscheinend erst über den tierischen Kommunikations-Katalysator ihre Sprache wiedergefunden haben und plötzlich mit mir reden. Ganze Sätze. Freundlich, interessiert…

Und: Ich habe einen zusätzlichen Lebensgefährten, der sich meinen Erziehungsversuchen noch genialer widersetzt als der Mann. Ich verwende ein Buch, das interessierten Frauen die Methode des „Dog Training“ empfiehlt (die Amis kennen da ja nix): Michele Weiner-Davis‘ Jetzt ändere ich meinen Mann – Wie Sie ihn einfach umkrempeln, ohne dass er es merkt. Für die Hundeerziehung, nicht für den Mann.

 Anmerkung: Keine Ahnung, warum WordPress diesen Text nur als Schriftsalat wiedergibt – ich entschuldige mich bei den Ästheten und Grafikern unter meinem Freunden dafür.

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Und? Was haben wir gelernt aus dem großem Auto-Irrtum?

3 Mar

Zu Ehren des Benzinpreis-Allzeithochs hier noch einmal der GAZETTE-Essay vom September 2009: Die elektrischen Reiter, oder: Das große Fortbewegungs-Missverständnis

Wir könnten längst vernünftige Autos haben: Der Elektroantrieb existiert seit 100 Jahren. Damals kam er den Verkehrsteilnehmern allerdings weibisch vor. Mal abwarten, was ihnen als nächste Ausrede einfällt

Von Eva Herold

Der erste Satz des Autos jagte ihr einen Schreck ein. Die Gänge knirschten beim Schalten, und sie dachte, er würde den Unterricht sofort abbrechen, aber er lachte. Er sagte: ´Brrr, immer mit der Ruhe. Fahren Sie weiter`, und sie tat es.“

Alice Munro, „Leidenschaft“

Westlich sozialisierte Menschen beiderlei Geschlechts weht es doch recht eigenartig an, wenn davon die Rede ist, dass Frauen in bestimmten islamisch geprägten Umgebungen immer noch am Autofahren gehindert werden. Von Männern. Wie blöd, denken wir: Wo sonst kann ein Mann denn heute noch einer Frau etwas beibringen – und dann lustvoll an ihr herummeckern, wenn sie’s endlich kann, aber nicht so gut wie er?

Überhaupt, Autofahren. Die Aufgeklärteren unter uns, egal ob Männlein und Weiblein, haben dazu ein ambivalentes Verhältnis; viele bilden politisch korrekte Fahrgemeinschaften oder nehmen wenigstens mit schlechtem Gewissen am Individualverkehr teil. Manche sind schon kurz davor, ihre privaten Diesel- und Benzinschlucker wieder abzuschaffen, aus Umwelt- und Kostengründen. Besserverdiener steigen um auf einen Wagen mit Hybrid-Antrieb – einer Kombination aus Elektro- und Verbrennungsmotor. Das ist angesagter Öko-Chic, verbraucht weniger Energie, kommt aber in der Anschaffung sauteuer. Wer zum Beispiel dieses Modell fährt, das sich das Medien-Power-Paar Brad Pitt/Angelina Jolie angeschafft hat, beweist ja nicht nur Verantwortungsbewusstsein, sondern zugleich, dass er es geschafft hat, nicht wahr, dass er eben nicht zu den Minderleistern gehört, die darüber jammern, wie heutzutage doch die ganze Gesellschaft Geisel der „Schlüsselindustrie Kfz“ ist: Opelrettung! Daimlersorgen! Porscheübernahme!

Darüber vergessen wir selbstverständlich nicht, welchen Zuwachs an Mobilität und, ja: Freiheit das Autofahren gerade für Frauen einmal bedeutet hat (und in Iran, Afghanistan, Irak sowie der tiefsten deutschen Provinz noch immer bedeutet). Und welchen Fetisch-Status das Auto bei Männern inzwischen erreichen kann. Mal abgesehen von allem, was uns Psychologen über die mannigfachen Konnotationen von Form, Farbe und Funktion eines roten Ferrari mit einem Primatenpenis zu sagen haben, erzielte MTV mit dem Sendungsformat „Pimp My Ride“ (etwa: „Motz mein Fahrzeug auf“) absolute Traumquoten, und neuerdings gibt es im Pay-TV einen Spezial-Sender, in dem nur gekesselt und geschraubt, getestet und gefachsimpelt wird: Motorvision TV gehört zum SKY Welt-Paket, kann man abonnieren… Selbst die Kosmetikbranche hat festgestellt, dass sich Duschgel für Männer nur dann richtig gut verkauft, wenn zumindest die Verpackung in Form und Anmutung einer Flasche Motoröl gleicht.

Und das bringt uns zum Kernpunkt des großen Auto-Irrtums: Es geht hier nicht um Vernunft. Männer haben zur Fortbewegung anscheinend am liebsten etwas, das stark und schnell ist, Lärm macht und stinkt. Pferde und später Kutschen waren ihnen nicht genug, sie erfanden das Automobil, das sich leider nicht, wie der Name verspricht, von selbst bewegt. Also waren zunächst drei Antriebsenergie-Lieferanten (die lange Zeit noch in Pferdestärken gemessen wurden) relativ gleichberechtigt im Gespräch: Strom, Dampf und Erdöl, letzteres in Form von Diesel und Benzin. Die Diesel/Benzin-Fraktion hat gewonnen. Wieso eigentlich? Eventuell unter anderem deshalb, weil Erdöl spottbillig war und vergleichsweise leicht zu kriegen, wenn man zu den Kolonialherren gehörte und die Welt gepflegt untereinander aufteilen konnte.

In ihrem Aufsatz „Weiblichkeit und der elektrische Wagen“ legt Virginia Scharff* Beweise dafür vor, dass Elektroautos von Anfang an eher als „etwas für Frauen“ gesehen wurden – schon wegen des auf wenige Kilometer begrenzten Radius, den die Akkus ermöglichten, und weil die Maschinen eben leise und sauber waren. Diese Einstellung erzählt weniger von dumpfer Frauenfeindlichkeit (man war viktorianisch-galant und gleichzeitig „frauenfeindlich“ auf eine Art, die wir heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen können) als vom damaligen Zeitgeist: Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kannte noch viele männliche Auto-Skeptiker, die sich aus Prinzip nicht in wahnwitzigem Tempo von 40 kmh durch die Landschaft zu bewegen wünschten. Wie viel grässlicher musste so ein Höllenritt erst auf das schwache Geschlecht wirken! Scharff zitiert einen amerikanischen Autor, der den neuen „Sport“ enervierend, schmutzig und gefährlich fand: „Einen motorisierten Wagen zu fahren ist kein Kinderspiel. Niemand unter 18 sollte dazu die Erlaubnis bekommen… und eine Frau nie, außer, möglicherweise, für einen mit Elektrizität betriebenen Wagen.“ Weil Damen nun einmal als zu zart für die Fährnisse der Moderne galten, als wenig belastbare, schützens- und schonungswürdige Geschöpfe, die im Grunde auf der Straße nichts zu suchen hatten, außer wenn sie (in Begleitung des Mädchens!) Einkaufen gingen, zum Essen ausgeführt wurden oder Freundinnen trafen.

Natürlich versuchte die aufstrebende Autoindustrie, auch den männlichen Markt für das Elektrogefährt zu interessieren – Detroit etwa bewarb um 1910 händeringend einen Elektro-Roadster für Gentlemen, aber der konnte sich bei der Zielgruppe nicht durchsetzen. Und jene Frauen, die sich über alle Konventionen hinwegsetzen und ebenfalls motorisiert durch die Gegend brettern wollten, sahen gar nicht ein, warum sie auf einen Sechszylinder verzichten sollten. Vor allen, wenn ihnen Typen wie ein gewisser Mr. Claudy, ein früher Fan der Elektroautos, der nachher noch die Auto-Kolumne im Woman’s Home Companion schreiben durfte, dermaßen von oben herab ins Gewissen redete: „Die paar Mal, die eine Frau den Elektrischen 30 Meilen in der Stunde fahren will, sind ja wirklich selten… es ist eine unnötig schnelle Geschwindigkeit für eine Vergnügungsfahrt … wenn der Wagen, den Sie wählen, 25 Meilen in der Spitze bringt, ist das schnell genug.“ Soso, werden die Mädels mit Bubikopf gedacht und sich gerade extra vom Gatten oder Papi einen dieser lauten, schnellen Stinker gewünscht haben. Hier gingen frühfeministische Aufbruchstimmung und ein mit dem Füßchen aufstampfender Ich-will-aber-auch-Trotz eine bedauerliche, aber doch nachvollziehbare Mesalliance ein. Wobei man auch sagen muss: Das hatte was, wenn so eine Society-Lady, pelzbehangen und lasziv an der Zigarettenspitze ziehend, ihren Donnervogel selbst um die Kurven lenkte… Scharff arbeitet in ihrem Essay sehr anschaulich heraus, wie (relative) Langsamkeit, Sauberkeit und geringe Reichweite des E-Mobils – proportional zur sich stärker ausprägenden weiblichen Sehnsucht nach Gleichberechtigung und Unabhängigkeit – zu Chiffren für Untauglichkeit in der (Männer-)Welt wurden. Tempi passati?

Sexy, hip, elektrisch“ titelte die AZ im August 2008 auf Seite 3 zum Thema „Elektro-Fahrzeuge sind die Zukunft – aber wie weit ist die Technik wirklich?“. Die Frage sollte eigentlich lauten: Wie weit könnte sie heute schon sein, wenn das Elektrofahrzeug seinerzeit nicht in die Damenauto-Falle geraten wäre? Und: Wird es wieder passieren? Den richtigen Durchbruch haben die Ingenieure schließlich immer noch nicht geschafft, etwa bei den Batterien: Der rasanteste Elektro-Roadster mit einer Reichweite von knapp 400 Kilometern – er wird gerade in geringer Stückzahl an wohlhabende Kundschaft ausgeliefert, außer der ihn sich niemand leisten kann – benötigt momentan zum Aufladen seiner Lithium-Ionen-Akkus noch volle 16 Stunden, schafft dann allerdings 200 kmh und verbraucht auf 100 Kilometer den Gegenwert von nicht ganz zwei Litern Super. Und das ist schon State of the Art – die anderen Hersteller pusseln entweder an Autogas-Antrieben oder Feststoff-Batterien herum oder müssen schlicht zugeben, dass sie den Trend verschlafen haben.

Wobei dieser Schlaf nicht gerade ein unschuldiger war; in trautem Zusammenwirken mit der Werbewirtschaft belieferten die Kfz-Hersteller ganz gezielt die Ohnmächtigen mit Träumen von Stärke und Potenz, rechnete eiskalt mit der Gemütslage der meisten Männer und vieler Frauen, für die der satte Sound eines röhrenden Auspuffs nun einmal Freiheit und Abenteuer bedeutet. Wenn jetzt nicht rasch neue Vorbilder auftauchen, die das Schumi-Prekariat jenseits der Brangelina-Schiene für energiesparende Technologie begeistern können, werden die Manager der global verbandelten Autoindustrie weiterhin keinen Anlass sehen, endlich in die Puschen zu kommen.

Wir, die Verbraucher, Männer wie Frauen, müssen vorerst selbstständig umdenken lernen: Frauen sich also abgewöhnen, den schnittigen Sport- oder schweren Dienstwagen ihres Auserwählten unterschwellig mit seinen vermutlichen Ernährerqualitäten zu assoziieren, Männer sich darauf einstellen, dass der jeweils nächste Wagen nicht unbedingt teurer, größer und schneller sein muss, um den sozialen Aufstieg des Halters zu belegen. Denn der männliche Abiturient, der 2009 mit einem gebrauchten Polo anfängt, wird sicher nicht mit 40 einen der heute üblichen Audis fahren, und selbst seine gleichaltrige Kollegin, die eher dazu neigt, auf Statussymbole zu pfeifen, wird in zwanzig Jahren einen jetzt noch als „vernünftig“ geltenden Golf oder so ein „Mädchenauto“ – denn die gibt’s auch mit Verbrennungsmotor – wie den Nissan Micra als absurd belächeln.

Nein, es muss schon irgendwie total fett abgefahren endgeil werden, sich vernünftig fortzubewegen; damit es so weit kommen kann, gehörten zunächst wohl auch etliche alte Vorstellungen von Kraft und Dominanz auf den Müll der Geschichte oder ins Verkehrsmuseum. Werden Männer in der Zwischenzeit auf Hybrid-Traktoren umsteigen, betrieben mit Rasierwasser-Gas-Gemisch oder irgendwelchen vom Munde abgesparten Alkoholika? Werden sie im Jahr 2020 (bis dahin, verspricht man uns, soll der E-Antrieb ausgereift sein) mit einem dann superleisen Mortorbike die Route 66 hinuntersäuseln wollen, die immer noch kosmetikoffergroße Batterie im Beiwagen oder Kinderanhänger? Wobei man einem gestandenen Hell’s Angel damit natürlich nicht kommen kann – aber dafür gibt es ja Sound-Designer. Die werden der E-Maschine einfach den Lärm einer aufjaulenden BMW Boxer oder Harley-Davidson implantieren, wie sie’s heute bereits mit dem Geräusch eines zufallenden Wagenschlags der Luxusklasse für Mittelklasseautos machen. Also, da gäbe es schon noch Spielraum.

Oder vielleicht wird die Welt in Zukunft insgesamt weiblicher, wie es die ZEIT im Sommer 2009 zumindest in der Arbeitswelt schon beobachtet haben will? Frauen bekämen schließlich in der krisengebeutelten Wirtschaft schneller Jobs, und demnächst wohl auch die besseren. Auch in der Autokonstruktion? Bisher wurden sie, außer in Ausnahmefällen, höchstens zum Design konsultiert, und heraus kommen dann zum Beispiel geschmackvollere Farben für den Innenraum und die optimale Position zum Einstöpseln eines I-Pods im neuen kleinen Alfa. Wenn weibliche Ingenieure sich erst der technologischen Seite annehmen dürfen, sind die Tage der Verortungsversuche männlicher Psyche beim herkömmlichen Verbrennungsmotor mit seinem Lärm, Dreck und Gestank vermutlich erst mal gezählt.

Vielleicht verhilft uns die Ressourcenknappheit sogar noch früher zu Einsicht und Umkehr. Jetzt, da der asiatische Drache endgültig erwacht ist, wollen schließlich die Durchschnittschinesen bald ebenso selbstverständlich mit ihren Autos am Individualverkehr teilnehmen wie wir. Ob die wohl alle den indischen Billigheimer Tata Nano in der E-Variante bestellen, der 2010 auf den Markt kommt? Ist momentan etwa so wahrscheinlich wie beim Durchschnittseuropäer oder -amerikaner. „Mein neuer Roman wird ein Ökodrama“, sagt der Schriftsteller T. C. Boyle („Die Frauen“), „auch wenn ich selbst fünf Autos in der Garage stehen habe. Wir sind fünf Leute, das bedeutet fünf Autos, so ist das leider in Amerika.“ Folgerichtig befürchten viele Experten, dass der Oil Peak noch schneller erreicht wird als befürchtet; einige meinen, er sei längst überschritten. Das restliche Öl kostet, selbst wenn es aus den neuen Pipelines von Kasachstan kommt, auf jeden Fall noch mehr. Strom könnte da tatsächlich die günstigere Alternative sein.

Und irgendwo muss der Strom ja hin, den das Alte Europa einspart, wenn wir dank Brüssel nur noch Energiesparlampen statt Glühbirnen verwenden dürfen, und dank des prächtigen deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) unseren Strom auf Solardächern gewinnbringend selbst produzieren können. Gut, dann verschwinden die alten Stromfresser, dafür stolpert man anfangs überall noch über Leitungen, die unsere Autos abends aufladen, damit wir morgens zur Arbeit fahren können. „“Himmelnochmal“, wird der Hausmann gereizt maulen, wenn seine Alleinverdienerin mal wieder das Kabel nicht ordentlich aufgerollt hat, bevor sie zum Flughafen losgedüst ist, „Frauen sind einfach zu schlampig“. Doch irgendwann wird auch das nicht mehr als Ausrede taugen, den Benzinern nachzutrauern; nach und nach wird Normalität einkehren. In der Yellow Press werden die Schwiegertöchter von Charles dem Publikum huldvoll aus ihren E-Bentleys zuwinken; die erwachsenen (Adoptiv-)Kinder von Madonna und Angelina Jolie erzählen im Privatfernsehen – stets vor der Kulisse kalifornischer Shopping-Malls und brandneuer E-Funmobiles – von ihren modischen Präferenzen.

Spätestens jetzt erhöhen auch bei uns E.ON, RWE, Vattenfall und all die anderen Verbrecherorganisationen den Strompreis und den Druck auf die Regierungen, doch wieder paar neue Atomkraftwerke zu bauen (Fukushima ist dann auch schon wieder lange her). Aber das werden nur Rückzugsgefechte sein, und in einer noch etwas ferneren Zukunft dürfte das Pendel des „Fortschritts“ wieder in die andere Richtung ausschlagen. Hat sich nämlich der E-Antrieb einmal allgemein durchgesetzt, werden auch schon, was wollen wir wetten, die ersten Stimmen laut: dass man doch so etwas Altmodisches wie Strom eigentlich nicht mehr zur Fortbewegung nutzen sollte. Es werden männliche Stimmen sein. Wahrscheinlich erfinden die Herren als nächstes etwas mit Wasserdampf, das wunderbar umweltfreundlich und preiswert ist, aber schön schnell anzieht, dabei die Lenden angenehm kribbeln lässt und außerdem ordentlich was auf die Ohren gibt. Und vielleicht sogar ein bisschen stinkt.

* Virgina Scharff, Taking the Wheel: Women and the Coming of the Motor Age (New York: Free Press, 1991). Der Essay ist mit kleinen Änderungen nachzulesen auf http://www.autolife.umd.umich.edu/Gender/Scharff/G_casestudy.htm

Abbildung via

 

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Und wenn wir einfach mit dem Bauch abstimmen?

23 Feb

Aus gegebenem Anlass (irgend ein Polit-Clown kam gerade wieder mit dem guten alten „Höhere Steuern für Kinderlose!“ -Vorschlag an) wiederholen wir heute Brauchen wir eine neue Aktion “Lebensborn”? aus der GAZETTE 11/2006:

Dieser Beitrag entspricht wahrscheinlich nicht der Meinung des Herausgebers. Damit will ich gleich von vornherein betonen, dass es hierzulande (noch) so tolle Dinge gibt wie die Freiheit der Rede, das Bundesverfassungsgericht und Raucherbereiche in manchen Restaurants. Die Diskussion über das drohende Aussterben der Deutschen halte ich dennoch für extrem heuchlerisch. “Neue Babys braucht das Land” titelte die AZ vor ein paar Jahren, und Der Spiegel jammerte: 30 Prozent der Akademikerinnen bekommen keine Kinder!

Echt, oder? Könnte es sein, dass die sich in unserem schönen Deutschland umgesehen und dann ein bisschen weiter gedacht haben? Sich ungefähr vorstellen können, was sie erwartet: Dass sie wahrscheinlich nach dem Studium höchstens als Praktikantin irgendwo unterkommen, zu einem “Gehalt”, das weder für ein Paar Manolos (das sind Stöckelschuhe, Dummkopf!) reicht noch für einen Jahresvorrat an Pampers? Dass sie angesichts der “Ich bin doch nicht blöd”-Singlekultur und steigender Scheidungszahlen schon rein rechnerisch wenig Chancen auf eine tragfähige Beziehung haben? Tja, und spätestens wenn sie mitkriegen, wie ihre alleinerziehenden Freundinnen sich abstrampeln, um über die Runden zu kommen, vergeht ihnen auch jede Lust auf “selbstbestimmte Mutterschaft” (einem wirklich dämlichen Euphemismus für: ich muss alles selber machen). Sogar wenn eine den passenden Mann fände, der gewillt wäre, das “Armutsrisiko Kind” mit ihr zu teilen – sie könnte doch jetzt schon absehen, dass die wirklich unangenehmen Teile der “Familienarbeit” an ihr hängen bleiben.

Denn dafür hat man die Frauen ja zur Schule geschickt: damit sie lernen, mit-, im Idealfall sogar vorauszudenken. Dumm gelaufen, wenn die Damen es dann tatsächlich tun. Mag sein, einige Primaten-Darsteller bedauern inzwischen klammheimlich die Einführung der generellen Schulpflicht auch für Mädchen (und im Fall Schröder oder von der Leyen neige ich sogar dazu, ihnen recht zu geben). Aber dieses Rad zurückzudrehen wird schwierig werden. Außer natürlich, wir lassen uns vom islamistischen Fundamentalismus überrollen. Das ist seltsamerweise die zweite große Angst der Politiker: Dass mit uns auch unsere wunderbaren westlichen Familienwerte verschwinden. Wo hat man die eigentlich zum letzten Mal beobachtet? Nein, Herr Schirrmacher, ich meine nicht in irgendwelchen Extremsituationen, sondern im ganz normalen Alltag. Da sind inzwischen immer mehr Kinder “von der sozialen Teilhabe ausgeschlossen” – so heißt das heute, wenn die Eltern nicht genug Geld für die neuesten Markenturnschuhe oder auch nur für die Klassenfahrt haben. Genug Kids verwahrlosen, werden verprügelt oder verprügeln selbst, vorzugsweise Ausländer (pardon, Menschen mit Migrationshintergrund). Genug Alte vergammeln in “Heimen” oder werden Wochen und Monate nach ihrem Tod in der Wohnung aufgefunden, und die Dunkelziffer derer, bei denen das “Herzversagen” von der lieben Verwandtschaft eigenhändig herbeigeführt wurde, ist laut Expertenmeinung ziemlich hoch.

Merkwürdig, so etwas wird in den Fragebogen-Entwürfen für einbürgerungswillige Herrschaften aus Ländern, in denen eher mehr Kindersegen üblich ist, nicht erwähnt. Dabei gehören mangelnder Familienzusammenhalt, alltägliche Kinderfeindlichkeit und menschenunwürdige Altenverwahrung heute genauso zu Deutschland wie Goethe und Schiller, Beethoven und Karl Marx. Ich schätze mal, die Panikmache wegen der zu erwartenden “demographischen Katastrophe” bedeutet im Klartext: Wir haben Schiss, dass unsere Rente demnächst statt von unserem süßen blonden, blauäugigen Nachwuchs von so dahergelaufenen Türkenlümmeln aufgebracht werden muss. Dabei wäre das überhaupt die Lösung, denn mit dem Gedankengut eines ostanatolischen Familienoberhaupts kriegt man gebärunwillige Frauen recht gut in den Griff: Haltet sie in der Wohnung, lasst sie Kochen und Kinderaufzucht bei Muttern lernen statt Lesen und Schreiben, und sollten sie nicht spuren, gibt es immer Möglichkeiten… neiiin, Stockhiebe, Steinigung und Ehrenmord sind selbstverständlich abzulehnen, also wirklich.

Neulich bekam ich ein Schreiben von der Künstlersozialkasse, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich ab sofort mehr einzahlen muss – weil ich keine Kinder habe. So, so. Und die Kolleginnen, die welche haben, kriegen das Mutterverdienstkreuz, oder wie? Mal ganz abgesehen davon, dass ich sicher dagegen klagen könnte – wofür haben wir schließlich das Antidiskriminierungsgesetz (s. Gazette Nr. 5/ 2005: “Meine erste Verfassungsbeschwerde”): Es ist noch nicht allzu lange her, da war hier schon mal eine Regierung sehr daran interessiert, dass mehr blonde, blauäugige Kinder auf die Welt kommen. Oder, um es ganz unpolemisch zu sagen: Zu allen Zeiten waren Machthaber darauf angewiesen, Menschen für ihre Zwecke zur Verfügung zu haben – um das Steuersäckel zu füllen, oder als Kanonenfutter für die Kriege, die nötig sind, um den Waffenhandel am Laufen zu halten. Heute müssen eben dringend Verbraucher her, damit Deutschland beim Wettglobalisieren nicht total abstinkt. Und, richtig, wegen der Rente – man kann so ein Volk doch nicht auch noch mit durchfüttern, wenn es zum Konsumieren zu gebrechlich oder zum Wählen zu tüddelig geworden ist.

Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, dass dieses dumme Volk sozusagen mit dem Bauch gegen das Leben in der “Ich bin Deutschland”-AG abstimmt? Ich finde es ganz amüsant, wie händeringend nach Gründen gesucht wird, warum sich die Deutschen partout nicht vermehren wollen: Ist es die mangelnde Kinderbetreuung? Die selbstsüchtige Ellbogen-Mentalität? Die allgegenwärtige Zukunftsangst? Die richtige Antwort ist möglicherweise eher im Bereich von etwas so schwer Fassbarem wie Lebensfreude zu finden: Immer mal wieder wird in Umfragen eruiert, wie glücklich sich Menschen fühlen – und da belegt Deutschland meistens einen erstaunlich schlechten Platz. Erstaunlich in Hinblick auf den relativen Wohlstand, der hier immer noch herrscht; ich meine, wenn Leute aus Bangladesh mit ihrem Leben zufrieden sind, was läuft dann hier falsch? Es kann nicht nur das miese Wetter sein, sonst wären alle Iren selbstmordgefährdet. Sind sie aber nicht. Im Gegenteil, die setzen sogar mehr Blagen in die Welt als wir.

Und das bringt mich zu folgender Frage: Macht es vielleicht einfach keine Freude, deutsch zu sein in einem Deutschland, in dem Mülltrennen, Behördengänge wegen jedes Fitzelkrams, Hundescheiße aufklauben oder sich Sorgen machen als ganz normale Beschäftigungen für erwachsene Menschen gelten? In dem die Sozialhilfe nach einem korrupten Manager benannt ist? In dem von der GEZ angeheuerte Ganoven Gebühren für etwas einziehen, das man eigentlich nur mit den Circusspielen in alten Rom oder Byzanz vergleichen kann (allerdings nicht ganz auf deren Niveau)? Wo du dich mit der falschen Hautfarbe in bestimmten Landstrichen oder Stadtvierteln besser nicht blicken läßt? Jetzt mal ehrlich: Wäre es tatsächlich so schlimm, wenn unsere Nation von hysterisch-zwanghaften Miesepetern auf lange Sicht vom Angesicht der Erde verschwände? Keine Sorge: Goethe und Schiller, Beethoven und Marx blieben der Welt ja erhalten. Ist alles auf DVD gespeichert, wartet nur auf Leute, die wieder etwas damit anfangen können. Ob nun Deutsche oder Japaner Beethoven spielen oder Balladen von Schiller lesen – irgendwann gehört das sowieso zum untergegangenen Kulturgut, genau wie Menschenkopfballspielen bei den Mayas, “Child in Time” von Deep Purple, Bürgerrechte in den USA oder der Kommunismus auf Kuba. Und ob Deutsche oder Japaner Gucci-Taschen und Nike-Sneakers kaufen, ist dem Markt sowieso egal. Wir können uns auf jeden Fall damit trösten, dass so schöne Lehnwörter wie “Angst”, “Weltschmerz” und “Kindergarten” in vielen Sprachen noch lange von unserer Existenz künden werden.

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Müssen wir Angst haben vor Männern im Anzug?

17 Feb

Das hier erschien 2006/2007 in der Print-GAZETTE. Inzwischen habe ich mehr Schiss.

“Aber dieser korrekte dunkle Anzug – gab es einen Anzug von üblerer Vorbedeutung?”

Celia Fremlin, ‘Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?’ Diogenes, 1985

Neulich, es ist ein milder Herbstnachmittag, trotte ich mit meinem alten Hund den üblichen Spazierweg entlang, da zischt jemand vorbei, und eine Bugwelle von Aggression brandet an – ungefähr so, als hätte ich auf der Autobahn nicht schnell genug die Überholspur freigegeben, sobald ein BMW mit aufgeblendetem Fernlicht heranrauscht. Bevor ich noch (mental) den Mittelfinger ausstrecken kann, geschieht etwas Überraschendes: Der Zischer, ein Radfahrer um die Dreißig in Anzughose und auf Hochglanz geputzten Schuhen, tritt vorne beim – kinderleeren – Kinderspielplatz plötzlich auf die Bremse, springt ab, parkt das Fahrrad, lehnt seine teure schwarze Aktenmappe dagegen und beginnt, hektisch die Arme nach oben zu reißen, abwechselnd den linken und den rechten. Ich schaue fasziniert zu, bis ich begreife: Momentchen, das sollen Dehnungsübungen sein! So unlocker, wie der Typ die macht, holt er sich allerdings höchstens eine ausgekugelte Schulter. Sollte ich ihm empfehlen, seinen Trainer zu wechseln? Aber womöglich, überlege ich, lenkt ihn ja Schmerz ein wenig ab von der Wut, die ihn so offensichtlich quält.

Kopfschüttelnd gehe ich weiter, und mir wird bewusst, dass ich bisher viel zu selten über das Aggressionspotential von Männern in Hosen mit Bügelfalten nachgedacht hatte. Das war vielleicht ein Fehler. Denn das sind schließlich genau die Knilche, die mir den Kredit verweigern, wenn ich auf der Bank ausnahmsweise mehr will als die üblichen überhöhten Gebühren abdrücken. Die mir im Fernsehen erzählen, dass es gegen Gammelfleisch leider gar keine besseren Kontrollen gibt, dass die Bevölkerung durch die Panne im Kraftwerk zu keinem Zeitpunkt gefährdet war, und dass Benzin vor den Ferien teurer werden muss, weil die Weltlage zufällig immer dann ganz mies aussieht – was sich natürlich auf das Ölgeschäft auswirkt, nicht wahr. Deshalb ziehen auch gleich die Strompreise an, sagen die Anzugheinis mit der selben ernsten Miene, mit der sie sonst verkünden, dass schon wieder ein Krieg “ausgebrochen” ist.

Nun werden Sie einwenden: Die Verbrechen der Macht haben doch nichts mit dem Dresscode zu tun! Ach ja? Natürlich gibt es neben all den Nieten in Nadelstreifen und Arschlöchern in Armani feine ältere Herren, die einen Anzug tragen, weil sie’s nicht anders kennen, und die in egal welchen Kleidern das WahreGuteSchöne verteidigen würden. Und selbstverständlich kennen wir jüngere Wendehälse, denen weder in Jeans noch im Dreiteiler zu trauen ist, Joschka Fischer ist da ein hübsches Beispiel. Auch richtig ist, dass einige der gefährlichsten Männer der Welt Röcke tragen: die Taliban, der Papst, Mullahs, Ölscheichs, Condoleezza Rice… Aber ich will mir hier ganz normale weiße, westliche Anzugträger näher anschauen. Nicht die Ackermännchen, und auch nicht ihre bösen Brüder aus der Rüstungs-, Energie- oder Pharmaindustrie, sondern nur die auf den Ebenen darunter.

Aber hör mal, gibt meine Schwiegermutter zu bedenken, das ist eben so, wenn man erwachsen wird. Da wächst man rein. Genau!, erwidere ich: diese Art von “erwachsen sein” interessiert mich. In eurer Generation sind die belastbaren, anpassungsfähigen und nicht ganz dummen Jungs in die SS-Uniform “reingewachsen”. In unserer Zeit machen sie mit solchen Eigenschaften zum Beispiel bei einem dieser überregionalen Unternehmensberater Karriere, deren Uniform das gute Tuch ist. Ich habe die Kerle in Aktion erlebt, wie sie durch das Verlagshaus schwärmten, für das ich damals arbeitete. Alle zitterten vor ihnen, von der Sekretärin (inzwischen müsste man wahrscheinlich Assistentin sagen) bis zum Chef vom Dienst. Ich war zu jung, um Schiss zu haben, aber das Ende vom Lied war, Sie ahnen es: Die Abteilung, die mir Aufträge erteilte, wurde aufgelöst. Hat lange gedauert, bis ich wieder etwas Ähnliches gefunden habe, in der Werbung (oder glauben Sie, man kann von Artikeln wie diesem hier leben?).

Viel später erst erfuhr ich von den sektenartigen Strukturen, in die solche Rationalisierungs-Schwadronen gepresst werden, damit sie ihre seelenlosen Schandtaten überhaupt durchziehen können – denn wer nicht mithält, fliegt selbst, schneller als er “dieser Bereich des Unternehmens arbeitet unproduktiv” sagen kann. Die Anzüge, die sich so jemand für den Job gekauft hat, kann er dann bei den nächsten Vorstellungsgesprächen anziehen, und später als GEZ-Spitzel noch eine Weile auftragen mit dem Gefühl, “dazu” zu gehören. Hm. Wozu gehört er denn eigentlich? Wenn man’s genau nimmt: zu jener Schicht “überflüssiger” junger Männer, die früher in Kriegen “verheizt” wurde (nicht mein These; unser Dick-Denker Sloterdijk hat sie im “Philosophischen Glashaus”, oder wie seine Fernseh-Talkshow heißt, schon nachgeplappert). Heute dienen sie “der Wirtschaft”: Männer, die (im besten Fall) nichts tun oder produzieren, was irgend jemand braucht. Vielleicht sind sie deshalb so wütend.

Man findet sie überall, in der Verwaltung, an der Börse, bei Fernsehsendern, in Werbeagenturen und natürlich in den riesigen Mischkonzernen, denen Waschmittel, Modelabels und Zeitungen gehören. Sie halten eine Maschinerie von aufgeblasenen Nichtigkeiten am Laufen und gehen am Ende des Monats mit einem hübschen Sümmchen nach Hause. Sie können keinen Nagel in die Wand schlagen, aber überteuerte Mieten zahlen und mit albernen Smartphones herumspielen und sich spritfressende SUVs kaufen und Flugreisen in Gegenden der Welt, wo man sich noch wünschen wird, nie von ihnen entdeckt worden zu sein. Oder sie besorgen sich noch so einen Anzug für die Arbeit oder ein hochkarätiges Geschenk für die Sorte Frau, die sich mit ihnen abgegeben mag. Ein Stockwerk höher nimmt ihnen das Besorgen dann schon eine Sekr…, eine Assistentin ab. Also ist die auch in Lohn und Brot. Wenn’s noch besser läuft, beauftragt der Anzugmann eine Ich-AG, die ins Büro kommt und ihm Sandwiches bringt oder eine Massage verabreicht, und einen “Personal Shopper”, also jemand, der davon lebt, dass unser Kerlchen keine Zeit mehr zum Einkaufen hat. Das sind meistens Frauen, also schon wieder ein paar, die sich an ihm zwei Drittel einer goldenen Nase verdienen (denn Frauen kriegen nie so viel Geld wie Männer, auch wenn sie etwas tun oder produzieren, was alle wollen. Seltsamerweise bekommen sie sogar für das, was alle im Moment am dringlichsten fordern – Kinder kriegen, Kranke pflegen, sich um Alte kümmern und so Zeug – am wenigsten).

Da liegt doch irgendwie der Schluss nahe: Wir Frauen sind schon mit schuld daran, wenn unsere Welt von Anzugträgern versifft wird. Ich male mir gerade spaßeshalber aus, was alles passieren könnte, wenn die Marketenderinnen des Kriegs der Märkte von heute auf morgen beschließen würden, diesen Nichtsnutzen ihre Unterstützung zu entziehen… na gut, Mann und Job wären dann weg. (Und jemand wie ich müsste auch wieder versuchen, von Artikeln wie diesem zu leben.) Nur: Arbeitslos und Single sind auch jetzt schon viele, die durchaus bereit wären, sich anzustrengen, fleißig und lieb zu sein. Und das mit dem Kinderkriegen ist ebenfalls bereits ziemlich aus der Mode; bei der Vorstellung, so einen Anzugträger in spe großzuziehen, empfinde ich persönlich auch keinerlei freudige Erregung. Wenn wir jetzt noch die Frauenzeitschriften und Tommy Hilfinger-Jeans in die Tonne treten würden – ach, das wäre ein Heulen und Zähneklappern. Da müsste sich auf lange Sicht das ganze Land neu organisieren.

Keine Bange, so weit wird’s nicht kommen. Man wird die nächste Generation Mädchen einfach wieder damit ködern, dass auch sie Bundeskanzlerin oder Ministerin oder meinetwegen auch Vorstandsvorsitzende in der Autoindustrie werden kann (wäre sogar günstiger für die Allgemeinheit, weil die Puffbesuche wegfielen). Wenn sich die fleißigen Lieschen nur lange genug doppelt so sehr anstrengen wie die Anzugmänner – und dabei noch richtig lieb zu denen sind. Dass die meisten “Karrierefrauen” auf dem steinigen Weg zur Macht oder zumindest einem sechsstelligen Jahresgehalt stolpern und in den Armen eines Versicherungsmaklers im Peek & Cloppenburg-Anzug landen werden, müssen wir ihnen ja nicht auf’s operativ begradigte Näschen binden, oder? Und wenn sie Glück haben, verprügelt der sie nicht (dieser “Frauen-Notruf”, der jeden Tag im Service-Kästchen der Tageszeitung steht, gleich neben der Telefonnummer vom Roten Kreuz und den Anonymen Alkoholikern, sei doch eher was für Unterschichtler, glaubt mein Lebensgefährte), sondern geht ins Fitness-Studio oder macht Lockerungsübungen am – kinderleeren – Kinderspielplatz. Was an sich schon wahnsinnig zivilisiert ist von ihm, angesichts der Wut, die sich mit der Zeit in so einem Mann anstaut, wenn er begreift, dass (und wie!) er verarscht worden ist. Nein, wir brauchen keine Angst zu haben vor Männern in Anzügen. Erst mal.

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“Emanzipation”, oder: Was bedeutet eigentlich das F-Wort?

10 Feb

Ich hab da mal ‘ne Frage: Meine ausländischen Kommilitoninnen reden immer von „gender studies“ – wo kann ich denn mal was über Emanzipation und diese ganze Mann-Frau-Frage nachlesen?“ Das wollte, ganz im Ernst, unlängst eine 30jährige von mir wissen… Wenn In-Ohnmacht-fallen noch in Mode wäre, ich hätt’s getan. Denn wo, bitte, hat diese Frau gelebt, die von sich behauptet, gerade ihren Magister gemacht zu haben und jetzt Journalistin werden zu wollen?.

Allerdings, wenn ich’s mir recht überlege – wozu sollte jemand feministische Theorien pauken? Um mitzukriegen, dass unser Sozialgefüge von Männerbünden (Theweleit) dominiert ist, brauchst du weder Bertha Eckstein-Dieners „Mütter und Amazonen“ zu kennen noch Volker Elis Pilgrims „Der Untergang des Mannes“, weder Virginia Woolf noch Robert Bly. Du musst nur Zeitung lesen, dich um einen Job bewerben oder Phoenix einschalten, wenn gerade eine Bundestagsrede übertragen wird.

Und auf der anderen Seite: Haben Frauen den Feminismus überhaupt verdient? Camille Paglia behauptet in „Die Masken der Sexualität“, dass die Menschheit noch in Schilfhütten wohnen würde, wenn wir das Sagen hätten. Inzwischen glaube ich: Da hat sie einen Punkt. Sicher, es gibt tolle, kluge, engagierte Personen weiblichen Geschlechts – ungefähr in der gleichen Verteilung wie bei Männern. Aber, so leid es mir tut: Als Rollen-Modell finde ich sowohl Kristina Schröder als auch Gertrud Höhler nicht im geringsten anziehend. Und das sind schon die Spitzen unserer Gesellschaft… bedauerlich viele Frauen, die mir im normalen Leben über den Weg laufen, sind denkfaul, verwöhnt und hysterisch (pardon: histrionisch, frau will ja nicht als Sexistin gelten) – ob sie nun aus der Country Living- oder der Brigitte-Fraktion kommen.

Wobei letztere mir weniger lästig sind – ihre ganze Energie ist in Konsum und Karriere gebunden. Sie haben verinnerlicht, was so genannte Frauenzeitschriften seit Jahrzehnten wie eine Seuche verbreiten (auch die altgediente Geschlechterkämpferin Germaine Greer prangert sie in ihrem Buch „Die ganze Frau“ an): Diese gängige, aber grotesk verzerrte Vorstellung von weiblicher Emanzipation, die postuliert, dass Frauen, weil ihnen „alle Möglichkeiten“ offen stehen, diese gefälligst auch ergreifen und also perfekte Berufstätige, Mütter und Geliebte werden müssen. Damit sind sie dann erst mal beschäftigt.

Wirklich nervig finde ich die Neo-Spießerinnen, die den halbverdauten Fraúenbewegungs-Schwurbel auch irgendwie im Hinterkopf haben, aber jetzt mit ihren einskommasieben Kindern zum Beispiel im „Speckgürtel“ rund um eine beliebige deutsche Großstadt in ihren frisch aus dem Acker gestampften Reihenhäuschen sitzen und allen das Leben schwer machen. Hier in Bayern sind sie todsicher das Resultat des ranzigen Stoiber-Hohlmeier-Modells. Betty Friedan beschrieb diese ganz aktuelle “Erziehungsgeld”-Lebensform schon Anfang der 1960er in „Der Weiblichkeitswahn“: Sobald Frauen im Produktionsprozess überflüssig werden, ist langes Stillen und permanente Präsenz der Mutter wieder das einzig „Natürliche“… it’s hip to be square.

Ich kann von meinem Bürofenster aus sehen, wie die dazugehörigen (und wahrscheinlich hoch verschuldeten) Häuslebauer frühmorgens nervös zur Pendler-S-Bahn eilen und zehn Stunden später mit hängenden Schultern zurück kommen. Während die liebenden Gattinnen inzwischen in chicen „Freizeit“-Klamotten (arrghh) ihre Kinderwägen durch die Gegend schieben und daheim den Göttern des Landhaus-Stils huldigen – aber pronto den letzten Bauern am Ort verklagen, sobald dessen Gockel zur Unzeit kräht, und ihren Kurzen beibringen, dass es „Pfui“ ist, wenn ein Hund in die Wiese kackt.

Frauen – das verrückte Geschlecht?“ betitelte der Rowohlt-Verlag 1977 Phyllis Cheslers Studie über „Women and Madness“, und Alice Schwarzer regte sich im Vorwort über die patriarchalischen Strukturen der Psychiatrie auf. Damals war „queer“ angesagt, und die Überlegung, ob Normalo-Frauen mit ihrem Selbstverwirklichungs-Anspruch zwischen Laura Ashley und Shakti Gawain die im System gefangenen Arbeits-Männchen nicht genauso in den Wahnsinn treiben, politisch absolut unkorrekt. Und noch heute kann frau so etwas nicht laut sagen, ohne gleich in die Ecke von Esther Vilar („Der dressierte Mann“) gestellt zu werden. Auch wenn moderne Theoretikerinnen wie Judith Butler („Das Unbehagen der Geschlechter“) längst über simple Mann/Frau-Zuschreibungen und Rollen-Spiele hinaus denken.

So, Schätzchen, das waren meine Lektüre-Empfehlungen in Sachen Feminismus (wobei Antje Schrupp, die über das F-Wort viel, viel mehr weiß als ich, hier und hier überlegt, ob sie es überhaupt noch verwenden möchte). Eine äußerst subjektive, durchaus unvollständige und darüber hinaus wahrscheinlich total veraltete Auswahl von Werken als Schützenhilfe, falls du mal Stellung beziehen willst in dem „semiotischen Krieg“ (Butler), der da draußen tobt. Was wenig bis nichts an deiner Realität von Job, Privatleben und politischen Gegebenheiten ändern wird. Aber du hast das Gefühl, es zu checken. Und das ist doch viel hipper, als einfach nur straight oder queer zu sein.

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